Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Von Teenagern, Justin Bieber und alten Schabracken

4 Kommentare

Meine Facebook-Freunde haben es schon mitgekommen. Sie waren beinahe live dabei, als ich in meine Schranken gewiesen wurde. Nicht argumentativ oder so. Nein! Viel schlimmer. Gehen mir die Argumente aus, kann ich entweder hysterisch anfangen zu schreien, zu weinen oder ich reisse meine Augen weit auf, beisse auf meine Lippe und versuche, dumm zu wirken. Sorgt für Mitleid. Aber hier, in diesem Fall – da konnte ich nichts tun. Ich konnte nur aus dem Büro rennen und meinen Kollegen vom Leid erzählen.

Unsere Praktikantin – 14 Jahre alt – erzählte mir etwas. Ich sah sie verwirrt an. Es ging um irgendetwas, das nun im Internet total hip ist. Die Praktikantin sah mich an: „Oooh Ulrike! Das verstehst Du nicht“, sagte sie: „Das ist Teenie-Kram!“ Ich schwieg vorerst beleidigt. Kurz darauf sagte ich etwas und der kleine Teenager am Platz gegenüber antwortete: „Du bist gemein.“ Und ich: „Ich habe Dich doch nur gefoppt!“ Erschreckt riss das Küken den Mund auf: „Oooh Ulrike!“, sagte sie: „Foppen sagt man schon seit Jaaaaaahren nicht mehr.“ Da stand ich auf und ging aus dem Büro. Ich brauchte Zuwendung.

Gut, ich werde dieses Jahr 30 Jahre alt. Daran habe ich schon etwas zu knapsen. Als meine Mutter 30 Jahre alt war, da war ich zwölf, meine Brüder waren zehn und vier. Meine Mutter war erwachsen. Sie hatte mir schon Jahre vorher gezeigt, wie man leckeren Kuchen backt, wie man mit einer Bohrmaschine umgeht. Die Familienplanung war abgeschlossen. Sie hatte ein Haus, jätete im Garten und kochte am Sonnabend nicht nur für uns Kinder, sondern auch für meinen Opa.

Nein, ich möchte all das gar nicht. Aber meine Mutter war für mich so groß, so erwachsen und so reif, vernünftig. Und ich? Briefe vom Finanzamt sorgen bei mir für Herzrasen und bleiben erst einmal liegen – bis genug Mut da ist, um reinzugucken. Ich komme mir selber noch immer vor wie ein Teenager. Nur dass ich Geld verdiene. Und nicht mehr bei Muttern wohne.

Die Praktikantin hat mich da ein wenig geschockt. Nicht nur, dass sie mich gleich bei Beginn siezte und irgendwann zögerlich fragte: „Darf ich Du sagen?“ Ich dachte immer, ich wäre noch ein wenig am Puls der Zeit. Bin ich nicht.

Die Praktikantin lachte auf. Ich fragte sie, was so zum Lachen sei. „Ich habe gerade etwas gebloggt“, sagte sie. Und ich – schon völlig vergreist – dachte mir: „Wow, sie bloggt auch! Ein Thema, ein gemeinsames Hobby.“ Also sagte ich ihr: „Mache ich auch!“ Skeptisch sah sie mich an: „Aber doch bestimmt mit so viel Text, oder? Macht man heute nicht mehr…“ Egal, was ich tue: Ich mache es falsch.

Irgendwann antwortete sie mir mit „XD“. Was das denn bedeuten solle, wollte ich von ihr wissen. „Na rofl“, sagte sie. „Rofl“ – das kannte ich irgendwoher. Mein kleiner Bruder hatte das mal gesagt – ich schwieg und überlegte, ob „rofl“ eine Beledigung sei. „Na, ich lache“, sagte die Praktikantin, zog dabei ihre Nase verächtlich nach oben. Sie war eindeutig von mir angenervt. Ziemlich sicher dachte sie: „Die alte Schabracke denkt doch auch, sie sei noch jung.“

Ein wenig sind wir da wieder beim Thema vom letzten Eintrag. Wahrscheinlich lachte sie insgeheim, über mein Tupper-Ufo, in dem ich zum Mittagessen mein vorgekochtes Essen erwärme.

Immerhin gewährte mir die Praktikantin noch ein Einblick in ihr Liebesleben. Und da war ich froh, nicht mehr 14 Jahre alt zu sein. Auch mit 29 Jahren kann es schwierig sein – aber man steht ein wenig mehr über den Dingen. Wenn auch nur ein wenig. Aber man weiß, dass Liebeskummer endlich ist. Eine wichtige Erfahrung.

Aber die Praktikantin hat es besonders schwer erwischt mit der Liebe. Denn der Mann ist ganz weit weg und „vergeben an Selena Gomez, diese Schlampe“. Sie liebt Justin Bieber, von dem ich bis vor einiger Zeit gar nicht wusste, dass er existiert. Aber die Lieder von ihm, die kannte ich nicht. Nie gehört. Das ist nun anders. Die Praktikantin weihte mich in das musikalische Werk des „süßesten Mannes der Welt“ ein. Ständig hieß es: „Ulrike, steh auf. Ich muss Dir jetzt was zeigen.“ Dann wurde ein youtube-Video aufgerufen, mir wurde gesagt, ob es vor, nach und während des Stimmbruchs war. Darauf folgend kam dann ein Monolog über die Frisur, wie sie sich verändert hat und dass „Justin wohl total männlich aussieht, Ulrike“. Achja: Und dann ging es noch einmal um Selena Gomez, „diese Schlampe“.

Als es 16 Uhr war, ging die Praktikantin. Papa wartete, um sie abzuholen.

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4 Kommentare zu “Von Teenagern, Justin Bieber und alten Schabracken

  1. Ich finde es ja ganz besonders hip nichts mehr von dem Ganzen Teenie-Kram zu verstehen. Besonders stolz kann man besonders darauf sein nicht zu wissen wer Justin Biber ist. Foppen ist ein wunderbares Wort, das nicht vor lauter Jugendwahn vergessen werden darf und Post vom Finanzamt macht mir bestimmt mit 65 noch Herzrasen.
    Im Übrigen ist selbstvorgekochtes Essen total in und wird gerade als neuer Trend aus Japan verkauft. Nennt sich Bento und die dazu passenden Bentoboxen sind nichts anderes als Tupper.
    Außerdem ist nichts so uncool wie 14 zu sein. Man darf fast gar nichts, die coolen Jungs finden einen zu klein und am Ende bleibt einem nur die Frisur von Justin Biber zu bewundern.

  2. Sie sind nur an einem anderen Puls der Zeit, Frau Ulrike!

    Begegnungen mit Justin-Bieber-Fans erspare ich mir, da ich nur studentische Praktikanten nehme. Da krieg ich ausschließlich die Krise, weil die Praktikantinnen (es sind meistens -innen, Kuwis oder BWLerinnen mit Kultur-Affinität) allesamt bildhübsch sind und bei mir der Lack sowas von vergleichsweise ab ist. Erstaunlicherweise bloggen oder twittern die meisten nicht. Facebook, ja, das ist schon mehr verbreitet. Wenigstens habe ich dann keine ungebetenen Besucher im Blog, die mit den unhippen Textmengen überfordert werden könnten.

    Ansonsten halte ich mich an Lotti Huber, die noch mit weit über 80 und nicht nur in Rosa von Praunheims Anita-Berber-Film über die Bühnen tanzte. So von wegen mit der Zitrone und dem Saft und so.

  3. ich verstehe dich! mir geht es mit meinen schülern oft ähnlich.

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