Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vom Schwanken zwischen Jägerzaun und dem wilden Leben

5 Kommentare

Die Bekannte hat ein Hobby. Gemeinsam mit ihrem Ehemann möchte sie so spießig wie möglich werden. Das schicke neue Haus zieren in den Fenstern stehende Orchideen. „Die Blüten müssen aber den selben Farbton haben“, sagt sie. Auch die Übertöpfe sind passend. „Das ist toll“, sagt sie und lacht über mich. „Spießig ist das neue cool“, behauptet die Bekannte und sieht mich mit schräggelegtem Kopf an. Denn ich, ich habe Angst davor, spießig zu werden.

Als am Sonnabend die beste Grundschullehrerin der Welt zu Besuch war, sah sie im Wohnzimmer um: „Erwachsen bist Du geworden“, sagte sie: „Sieht ganz anders aus als zu Studentenzeiten.“ Ich, überzeugt nicht spießig zu sein, sah mich um und erstarrte. Die Kommode mit den gerahmten Bildern, der Strauß Blumen daneben, die Sofa-Garnitur aus rotem Stoff und Holz im Landhausstil, daneben die offene Kommode mit den Weingläsern, dem Dekanter und der kleinen Lampe – irgendwann in den vergangenen Jahren muss ich „spießig“ geworden sein. Die Bücher stehen im deckenhohen Regal, keins liegt irgendwie rum: Krimis stehen nach Reihen sortiert neben Büchern über Fußball, und auch die Kinderbücher sind nach Serien sortiert.

Ich kam ins Grübeln.

Vielleicht ist spießig einfach zu sehr Jägerzaun-behaftet. Vielleicht ist spießig aber auch einfach beständig. Und die Zeiten, in denen Unbeständigkeit für mich das Nonplus-Ultra war, die sind einfach vorbei. Immerhin: dieses Jahr werde ich 30 Jahre alt. (Ahhhhh!) Wenn spießig also beständig ist – dann bezeichne ich mich gerne als spießig.

Und ich dachte weiter nach. Und ich dachte an „How I met your mother“ – das wir ja vor allem wegen Barney gerne sehen. Und irgendwie finden wir die Hauptdarsteller alle cool. Die Vorstellung von Freunden, die immer da sind. Und immer treffen sich die fünf in einer Kneipe (nun, das hat vielleicht auch inszenierungstechnische Gründe), sie verbringen jedes Jahr den Superbowl gemeinsam, bestellen seit Jahren bei den selben Lieferdiensten, essen am Sonntagmorgen Pfannkuchen. Keiner würde die Serie sehen und sagen: „Bah, wat sind die spießig.“ Aber Beständigkeit, die sehen wir. Und wir sind ein wenig neidisch. Weil es da so wirkt, als sollte es so sein, wie es ist.

Eigentlich ist es auch gar nicht schlimm, auf Beständigkeit wert zu legen. Ich finde es gut, dass ich weiß, wo meine Krimis im Regal sind, wo ich meine Bücher liegen habe, die ich noch lesen möchte (auf der Platte unter meinem Wohnzimmertisch). Ich finde es gut, dass meine wissenschaftlichen Bücher im Regal im Flur stehen. Ich mag den Blick auf meine Vase mit den lila und weißen Blumen, ich mag mein uraltes Tablett mit friesischen Fliesen, dem alten von Oma geerbten Teepott und der Teedose aus den 1960er Jahren. Und gerne mag ich es, wenn die Tülle der Kanne nach draußen zeigt und die beiden Becher in friesisch-blau wie zufällig daneben stehen.

Also musste ich der Bekannten ein wenig recht geben. Spießig ist ein wenig cool. Ich muss ja nicht mehr wie die Namensgeber – die Spießbürger – mit einem Spieß mein kleines ostfriesisches Dorf verteidigen – auch wenn ich es tun würde (wir Ostfriesen sind ein kleines kämpferisches Volk. Wir vertrieben die Missionare noch bis ins 12. Jahrhundert aus den Orten, wir bekämpften bei Nichtgefallen unsere eigenen Häuptlinge und auch heute tragen wir mit Stolz ein „Eala frya fresena“ im Herzen.). Also habe ich beschlossen, ein wenig spießig zu werden. Aber nur ein wenig.

Vielleicht ist der Kampf mit der Spießigkeit nämlich der immerwährende Kampf zwischen „Ich will Beständigkeit“ und „Ich will meine Freiheit“. Denn bei dem Gedanken an meinen Bausparvertrag – für mich ein Inbegriff von Spießigkeit – wird mir ganz klamm um mein Herz. Es klingt nach „Hausbau“, nach Verantwortung und Verpflichtung.

Denn ich möchte wohl wissen, wo meine Bücher stehen, sehe stolz in den aufgeräumten Wirtschaftsraum mit den sortierten Konserven und den Nudeln und dem Reis im Ikea-Vorratsglas – aber Verantwortung möchte ich für all das lieber nicht übernehmen. Ich brauche die Option, auszubrechen. Auch wenn es vielleicht nie passiert.

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5 Kommentare zu “Vom Schwanken zwischen Jägerzaun und dem wilden Leben

  1. barney is auch der coolste…..

  2. spießig ist man bloss, wenn man seine träume im eigenen garten verbuddelt hat. so lang du im kopf frei bist, kannst du deine wohnung ruhig spießig (ich würde in deinem fall eher trutschig sagen) einrichten. hey und 30 is gar nicht so schlimm 🙂

  3. wie schön, dass ihr im moment alle über’s spiessig sein redet. hab dazu erst vor einen paar tagen einen überaus amüsanten artikel bei einer freundin gelesen:

    http://grwbr.wordpress.com/2011/02/21/wir-sind-spieser/

    herzliche spiesser-grüsse aus dem hohen norden 🙂

  4. ich finde es absolut nicht schlimm, wenn man weiss, wo man was zuhause findet und dass die bücher oder die musikalben sortiert sind, das handhabe ich genauso. wichtig ist doch vielmehr, welche bücher es sind und welche musik man im regal stehen hat. ich denke, beim inhaltlichen beginnt der wahre spießer- oder nichtspießer-charakter.

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