Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

… weil ich in das Klo fallen könnte

5 Kommentare

In den vergangenen Tagen musste ich häufig an meine Grundschulzeit denken. Klein-Ulle mit schicker 1980er Jahre Brille in rosa und weiß, den Mund eher selten zu einem Lächeln verzogen, den grünen Schulranzen mit Silbersternen auf dem Rücken. Unser Klassenlehrer, den wir ab der 3. Klasse hatten, war Anhänger einer interessanten Erziehungsmethode. Wenn wir etwas fragwürdiges verbrochen hatten, drohte er uns mit den „Zehn Sätzen, warum ich das nicht tun durfte“. Wir fanden das doof, aber eigentlich wollte er nur, dass wir über unsere Untaten nachdachten. Und derer gab es einige.

Eine beliebte Pausenbeschäftigung von uns war es, auf die Toiletten zu klettern und über die Trennwände zu sehen. Ich weiß nun, mehr als 20 Jahre später, gar nicht mehr genau, warum wir das getan haben. Immerhin sind Schultoiletten ekelerregend und auf dem Klo sitzende Menschen sehen meist unattraktiv aus. Die größte Angst – und der erste Satz einer jeder Strafarbeit zu dem Bereich – war aber, ins Klo zu fallen.

Trotzdem: eine Schulfreundin von mir, heute Rechtspflegerin und Schlagerfan, stieg beinahe jede große Pause auf die Toiletten mit schwarzen Klobrillen und riskierte, sich auf unausgesprochen unangenehme Weise zwischen verklebter und ungereinigter Toilette und dem Boden mit seinen uralten und gesprungenen Fliesen zu verkeilen.

Mehrfach erwischte uns unser Klassenlehrer, gleichzeitig auch Rektor der kleinen Dorf-Grundschule. Wütend kam er um die Ecke gerauscht, sagte unsere Namen in einem scharfen und ehrfurchterbietendem Ton und holte uns aus dem kleinen Raum raus. Nicht, dass hier nun jemand einen schlechten Eindruck von dem Lehrer bekommt: Er war streng, aber gerecht und meistens nett. Ihm habe ich es zu verdanken, dass mein evolutionärbedingter Mathematikmakel in seine Schranken gewiesen wurde.

Wir – vier Mädchen, heute Architektin, Arzthelferin, Rechtspflegerin und Journalistin – mussten also zehn Sätze zu dem Thema schreiben. Hat schon einmal jemand zehn Sätze darüber geschrieben, warum man nicht auf Toiletten klettern darf? Es ist schwer. Denn außer „Ich sollte nicht auf die Toilette steigen, weil ich in das Klo fallen könnte“, „Ich sollte nicht auf die Toilette steigen, weil in der Nachbarkabine jemand einen Schreck bekommen und ins Klo fallen könnte“ und „Ich sollte nicht auf die Toilette steigen, weil ich Mitschüler ebenfalls zu dieser Schandtat anstiften könnte und sie ins Klo fallen könnten“ fiel uns nicht viel ein. Gerne hätte ich meine Schulhefte wieder, um die Ergebnisse dieser bahnbrechenden Überlegungen zum Klo-Fall noch einmal zu lesen.

In einem der Hefte stehen auch zehn Sätze zu „Warum ich nicht über den Wall rennen darf, um Kindergartenkinder zu erschrecken“. Nun, wir alle waren mal im Kindergarten – und wir fürchteten die Grundschulkinder, wollten aber auch zu den Großen gehören, die mit dem pinken Turnbeutel in Zweierreihen lachend, schreiend und sich in die Seite puffend zur Turnhalle liefen. Wer dann Grundschüler wurde, konnte es kaum erwarten, über den Wall zu rennen, der Kindergarten und Grundschule voneinander trennten, und „Buh“ zu rufen. Heute gibt es einen Zaun. Zehn Sätze, warum man nicht über den Wall rennen sollte – die muss wohl niemand mehr schreiben.

Meistens musste aber jemand zehn Sätze schreiben, warum man nicht abschreiben darf. Dicht an dicht saßen wir in der Klasse 1c bis 4c, stellten Schulränzen, Federmappen und Fibeln zu einer Mauer zusammen – niemand sollte bei uns abgucken, wenn wir ein Diktat, eine Mathearbeit oder einen Aufsatz schreiben mussten. Wer nur kurz über die bemalte Federmappe linste, um bei der Nachbarin zu sehen, ob man „gucken“ mit „g“ oder vielleicht doch mit „k“ schreibt, der wurde angemahnt und zu den „Zehn Sätzen“ verdonnert.

Ich musste glücklicherweise nur einmal die zehn Sätze zu „Warum ich nicht abschreiben darf“ schreiben. Die Tücke dabei: die zehn Sätze durfte man von keinem der Klassenkameraden abschreiben. Hach, es war ein Elend. Andere – vor allem die Jungen – mussten ständig solche Sätze schreiben. Unter anderem auch zu „Warum man nicht mit nassem Klopapier werfen sollte“, „Warum man sich nicht prügelt“ und „Warum ein Schulranzen kein Rammbock ist“.

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5 Kommentare zu “… weil ich in das Klo fallen könnte

  1. hahahahaha! die klogeschichte ist echt der hammer und die dazugehörigen ausreden sowieso 😉 solche lehrmethoden sind eben doch etwas archaisch, auch wenn sie im nachhinein ziemlich lustig anmuten. meine schüler würden mir aber ganz schön auf’s dach steigen, wenn ich ihnen heute mit sowas kommen würde, von eltern und direktion kaum zu schweigen 😉 schaden würde es ihnen glaub ich aber nicht… 😉

  2. du meinst also, dir zuliebe sollte ich morgen in der pause mal heimlich die schulklos inspizieren, auffällige schüler herausfiltern und dann zu strafarbeit verdonnern. gefällt mir, die idee 😉

  3. ich bitte drum! aber wahrscheinlich ist dieser pausensport out und die schüler surfen während der pause mit ihren smartphones bei youtube – und gucken sich da videos von menschen an, die auf toiletten klettern….

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