Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die morbide Faszination des Smalltalks und der Worthülsen

2 Kommentare

Ich hatte mal einen Freund. Den konnte man auf keine Party mitnehmen, auf der er niemanden kannte. Er hätte sich still in die Ecke gesetzt, unfassbar viel Bier getrunken (was an sich nicht schlecht ist), wäre danach an meine Seite gewankt und hätte gejammert, er wolle nach Hause. Er hätte im Kreis von Menschen gestanden, kein Wort rausgebracht. Auf Fragen hätte er mit Schweigen geantwortet. Ihm fehlte etwas: das Talent zum Smalltalk – oder wie ich es nenne: das Talent zum Worthülsengespräch.

Einige Tage lang habe ich mich selber beobachtet. Im Supermarkt, an der Tankstelle, in der Bank, im Drogeriemarkt, beim Optiker, auf der Familienfeier. Am Ende des Tages konnte ich behaupten, dass rund 95 Prozent der von mir gesagten Wörter zwar nicht sinnfrei, aber völlig belanglos waren. Der Freund fand so etwas doof, er schwieg. Ich dagegen – in meinem Wahn, den Menschen Aufmerksamkeit entgegenbringen zu wollen – sage immer etwas. Ich spreche mit allen und jeden. Mit der Kassiererin über die große Auswahl an Brötchen, mit dem Mann in der Tankstellen-Schlange über die Spritpreise und über die Freude, dass kein Schnee mehr auf den Straßen liegt: „Heute morgen waren es fünf Grad.“ „Unfassbar. Gestern Abend war es auch so warm.“ „Ja. Ich musste gar nicht kratzen.“ Zwanzig Worte.

Aber manchmal bin ich ein Fan von Smalltalk. Immerhin gibt es kaum etwas langweiligeres als den Sonnabendeinkauf mit all den Einkaufzettel-Bepackten, die ihre mit Lauch und Möhren, Schweinebraten und Bierkästen bepackten Wagen durch die Gänge schieben und dann, ganz am Ende, mehrere Chipstüten stapeln und dann mit herabhängenden Mundwinkeln an der Kasse stehen und einem Wochenende voller nerviger Besuche und aufgedrehter Kinder entgegensehen. („Der Regen! Da kann man die Kinder doch nicht rausschicken.“ „Nein, das kann man nicht.“ „Denn dann würden sie sich ja erkälten. Und die Erkältungswelle – die trifft ja gerade jeden.“ „Ja, schlimm ist das.“)

Aber anderen bei diesen Gesprächen zuhören?! Ja, das ist wunderbar. Es übt eine morbide Faszination aus, der ich mich kaum entziehen kann. Es ist wie eine Fahrt durch das Ruhrgebiet: Man weiß nicht, ob es schön ist, hässlich oder beides – aber man sieht hin, kann den Blick kaum abwenden. (Nun, der Vergleich hinkt: Ich liebe das Ruhrgebiet).

Vor allem Frauen haben den Smalltalk zu einem Handwerk gemacht, in dem es Meister, Gesellen und absolute Versager gibt.

Dabei ist Smalltalk so einfach. Man lässt sich einfach in die Worthülsen fallen. Mit einem „Das Wetter war auch schon besser“ liegt man immer richtig. Im Sommer, wenn es zu heiß ist, kann man sich ein laues Lüftchen wünschen. Aber nicht zu viel Wind. Da bekomme ich immer Nacken von, gerade im Sommer.“ „Und auch eine Erkältung bekommt man so leicht.“ Hah, und schon ist man wieder bei der Erkältung, die einem endlose Themen bietet. Die Reißfestigkeit der Taschentücher; die Qualität von Kamillentee; die Heftigkeit und exzessive Beschreibung der Nasennebenhöhlen-Beschwerden; Hausmittel gegen Ohrenschmerzen, die tränenden Augen und die eisigen Füße; Erfahrungen mit warmem Bier und der Schlummer danach – unfassbar.

Um auf „Das Wetter war auch schon besser“ zurückzukommen: Im Herbst kann man damit auf vergangene Altweiber-Sommer ansprechen, im Winter verfällt man schnell in „Der Winter 78/79 ist mit unserem Wetter ja durchaus zu vergleichen“, im Frühling verweist man darauf, dass „damals, als unsere Jüngste konfirmiert wurde – da hatten wir Ende Februar schon die ersten Tulpen im Garten und unser Jüngster rannte im T-Shirt über die Straße“.

Natürlich: Ich kann nicht mit „meiner Jüngsten“ aufwarten – ich bin eher der Hinweisgeber. Es ist ein wenig wie ein Automat, in den man Wörter hineingibt – und man wartet darauf, was beim anderen wieder rauskommt (mal ganz davon abgesehen, dass die meisten Menschen sich für die Antworten der Höflichkeits-Smalltalk-Gespräche nicht interessieren).

Wenn ich das Stichwort eingegeben habe (Zur Weihnachtszeit beispielsweise: „Hach, eigentlich sollte man keine Kekse kaufen – man sollte viel mehr selber backen“), dann warte ich gespannt. Nun, ich sage das nicht zu wildfremden Menschen – aber wer ist hier auf dem Dorf schon wildfremd? In der Schlange im Supermarkt kennt man jeden, lächelt sich an, weiß nicht, was man sagen soll. Da ist obiges vortrefflich. Egal was der andere sagt – im Moment des Bezahlens kann er mit dem Palaver aufhören, ein schönes Wochenende wünschen – und gehen. Man hat nicht schweigend in der Schlange gestanden und unsicher gelächelt – sondern war kommunikativ, offen und freundlich. Und nach einer Minute sagt der nächste: „War glatt heute morgen, oder?“

Advertisements

2 Kommentare zu “Die morbide Faszination des Smalltalks und der Worthülsen

  1. Ich hab ein bisschen geübt, nachdem ich erst gar nichts und dann „immer so komische Sachen“ (Zitat, mehrfach) zu fremden Menschen gesagt habe. Ich glaube, es ist ganz gut, das zu können. Auch wenn ich dabei immer so eine Art Schamgefühl verspüre, dass ich mich gerade so klischeehaft verhalte.

    Und übrigens… Es war ganz schön kalt draußen heute! 😉

  2. In Hamburg regnet es aber auch immer … 😉

    Reisen ist übrigens auch ein dankbares Thema, vielleicht weniger an der Supermarktkasse als in Stehrumchen-Situationen. Vorausgesetzt, man traut seinem Gegenüber das Wegfahren oder Reisen als solches zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s