Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Stück von mir – auf Zeitungspapier

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Heute Morgen, als ich die Zeitung aufschlug und meinen Blick über die Literaturseite schweifen ließ, da überkam mich ein merkwürdiges Gefühl. Nicht, dass ich nicht ohnehin ständig merkwürdige Gefühle hebe: schwarze Punkte sorgen bei mir für Kopfjucken, Eis am Stiel für einen zusammengekniffenen Mund, einige Männer bereiten mir auch Unbehagen – so wie der Gedanke an Milchreis am Mittag, vergammelte Tomaten und verfaulte Kartoffeln. Ich saß also da, sah einen Artikel von mir und fühlte mich – ja, wie fühlte ich mich eigentlich?

Auch nach mehr als zwei Jahren in dem Beruf ist es für mich komisch, meine Artikel zu lesen. Manchmal ist es, als wären sie von fremder Hand geschrieben. Natürlich weiß ich, was ich wann geschrieben habe, warum ich die Worte so gewählt habe und in diese bestimmte Reihenfolge gesetzt habe. Ich weiß, warum es Wörter wie „wuchtig“ und „flitzen“ nie in meinen Artikeln geben wird, dass ich immer den Vornamen und den Nachnamen nenne und die meisten Menschen bei mir etwas „sagen“ und sich nicht „erinnern“, „meinen“, „ausholen“, „finden“ oder „so’n“.

Trotzdem ist da am kommenden Morgen immer diese tiefe Verwunderung über die Worte. Darüber, wie der Text aussieht, wie sich der Name über der Spitzmarke (also dem Ort) macht. Und dann lese ich, merke, was nicht gut ist, was besser gemacht hätte werden können. Plötzlich fällt mir auf, dass ich zu häufig „sein“ oder „haben“ verwendet habe – keine starken Verben, keine Worte, die etwas erklären, sondern eben einfach sind.

Es ist nur schwer zu erklären. Heute morgen beispielsweise, als ich meinen Artikel auf der Literaturseite las (ein Portrait über eine Autorin aus der Nähe von Norden), da dachte ich: „Mmh, Literaturseite. Kultur. Das ist beinahe inte-irgendwas“. Dabei – und wer mich kennt, der kann das bestätigen – lese ich einfach gerne. Ich bin nicht intellektuell, nicht einmal pseudo-intellektuell. Menschen, die ihr Weinglas mit abgespreiztem Finger halten und über das Gesamtwerk von Camus und Poe diskutieren und „atemberaubende“ Parallelen finden – solche Leute machen mir Angst. Und wenn ich manche Artikel lese, dann bekomme ich ein wenig Angst vor mir.

Manchmal ist es aber auch die Angst vor der eigenen Courage. Denn – und nicht jeder brennt so sehr für das, was er tut – in jedem Artikel, den ich schreibe, ist auch ein Stück von mir. Von dem, wie ich die Welt sehe, wie ich den Moment empfunden habe, wie sehr mich das Thema interessiert hat. Es gibt Texte, da quält man sich durch. Da wollen die Worte sich nicht aneinanderreihen, die Punkte setzen sich einfach nicht und nach zwei Stunden ist immer noch kein roter Faden vorhanden, die Fakten scheinen nicht klar genug herausgearbeitet, die Meinungen nicht exakt dargestellt.

Wenn so ein Text am nächsten Tag erscheint, alles strukturiert und klar, dann wundert man sich. Ich wundere mich. Ich sitze ungläubig vor dem Text und bin darüber erstaunt, dass doch alles verständlich ist, ein komplexer Sachverhalt in 90 Zeilen erklärt werden konnte. Doch dann ist da auch der Ärger darüber, warum es nicht sofort funktioniert hat. Ich horche dann in mich hinein, wie ein Trainer, der seine Mannschaft antreiben will: „Woran hat es gelegen, Ulle?“, frage ich mich dann. Laut, mehrmals. Oft finde ich einfach keine Antwort. Sie bleibt so fern wie der Einstieg in den Text am Tag vorher.

Und dann gibt es diese Geschichten, die fließen. Man kommt vom Termin zurück in die Redaktion, an seinen Schreibtisch und es ist alles klar. Der Einstieg, der rote Faden, das Thema, die Konturen der Persönlichkeiten, die Ecken und Fallstricke. Anfang und Ende bilden einen Kreis, ein ganzes. Die Personen werden in ihrer ganzen Pracht beschrieben. Wie sie vielleicht um eine Entscheidung ringen, sich dabei nervös durch die Haare streichen, wie die Tee-Tasse in ihrer Hand zittert und ihre Mundwinkel beben, sich unschlüssig hin und her bewegen. Wie sie sich erinnern, wie sie sich ärgern, wie sie glücklich in Richtung eines Punktes in der Ferne sehen. Dann schreibt man sich in einen Rausch, ich schreibe mich in einen Rausch – und am nächsten Morgen ist es wie ein emotionaler Kater. Man liest den Text – und ärgert sich über verpasste Wortchancen. Denn im Endeffekt weiß man, dass es noch besser hätte werden können. Es ist nie gut genug.

Natürlich: Es gibt auch Nachrichten. Die pure Meldung. Doch allem was mehr als 30 Zeilen hat, möchte ich Gefühl geben. Es ist eine völlig wahnsinnige Einstellung. Die Ankündigung für das nächste Treffen des Chores „Sieglinde“ kann auch pur sein, ohne Schnickschnack. Sie muss sogar pur sein.

Ohnehin: Während ich die Worte suche, sie manchmal finde, manchmal jage, manchmal aus den Verstecken meines Kopfes hole, währenddessen ist die Zeitung von gestern schon das Fischpapier von heute. Oder der Kaminanzünder. In Flammen gehen sie dann auf, die Worte.

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