Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Früher – heute – später

8 Kommentare

Kommende Woche habe ich ein Vorstellungsgespräch. Und die Vorbereitung dafür – die ist anstrengend. Stärken, Schwächen (Schwächen habe ich, Stärken nicht), warum dieses Unternehmen. Und dann, der Halsumdreher. Vor meinem Volontariat wurde mir die Frage gestellt, ich hatte keine Antwort und scherzte. Glücklicherweise mit Erfolg. „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren, Frau B.?“

Denn das ist eine Frage – darauf habe ich einfach keine Antwort. Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Und unweigerlich frage ich mich: Wie sah meine Welt vor zehn Jahren aus?

Vor zehn Jahren – da war ich 19 Jahre alt. Ich stand kurz vorm Abitur. Meine Haare waren schwarz gefärbt, verfilzt und standen in alle Richtungen ab. Meine Haut wirkte dadurch noch blasser. Die Emanzenphase hatte ich bereits hinter mir. Ich wollte die Welt verändern. Aber ich wusste nicht wie. Wie verändert man die Welt, wenn man mitten in Ostfriesland lebt und die nächste wirkliche Großstadt beinahe 300 Kilometer weg ist? Wo ich mich in zehn Jahren sah? Keine Ahnung. Ich wollte studieren. Geschichte und Politik. Danach hörten meine Planungen abrupt auf. Dass ich aber wieder in Westoverledingen sitzen würde, ein Volontariat hinter mir, die Haare praktisch kurz und braungefärbt, die Haut immer noch blass – das habe ich aber sicherlich nicht geahnt. Meine Lehrer sagten immer: „Ulrike, Du gehst mal in die Politik.“ Und da hätte ich mich vielleicht auch gesehen. Bei einer NGO, Greenpeace. Lokaljournalistin? Nein.

Also ist die Frage: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ irgendwie doof. Weil man natürlich Wünsche haben kann – aber vielleicht kommt es anders. Meistens kommt es anders. In zehn Jahren hätte ich gerne einen festen Job, der mich glücklich und zufrieden macht. Eine schöne Wohnung. Punkt. Und am allerliebsten wäre ich Kolumnistin. Punkt. Kinder? Keine Ahnung. Mann? Keine Ahnung. Wo? Keine Ahnung.

Das wirkt natürlich gar nicht zielstrebig. Aber bedeutet zielstrebig nicht vielleicht auch unflexibel? In meiner kleinen Welt könnte ich das doch vielleicht so uminterpretieren? Eine Bekannte hatte auch ein Ziel: Mit 25 Jahren wollte sie verheiratet sein. Also war sie Ewigkeiten mit einem Mann zusammen, den sie eigentlich gar nicht mehr liebte. Es war ein Schrecken ohne Ende. Die Bekannte war fertig, am Ende. Und sah immer nur die Hochzeit vor ihren Augen. Mit 25 Jahren nicht verheiratet zu sein, war für sie eine Niederlage. Es kam, wie es kommen musste. Nachdem sie auf einer Party mit einem Unbekannten abgestürzt war, verließ sie ihren Verlobten doch. Und fühlte sich ganz leer. Weil es keinen Alternativplan gab.

Nur weil man nicht weiß, wo man in zehn Jahren ist, muss das doch nicht heißen, dass man nicht ehrgeizig ist. Ich möchte meine Arbeit gut machen, viele Menschen berühren, ihnen die Augen für die kleinen Geschichten der Welt öffnen, ihnen andere Sichtweisen ermöglichen. Das möchte ich in zehn Jahren auch noch. Aber wer weiß? Vielleicht sind meine Prioritäten in drei Jahren schon wieder ganz andere? Und ich möchte eine große Familie? Nie wieder ein Wort schreiben?

Ohnehin: Wer weiß, wie unsere Welt in zehn Jahren aussieht? Vor zehn Jahren. Da hatte ich gar kein Mobiltelefon. Ich hatte auch gar nicht das Bedürfnis danach (Kommunikationstechnisch bin ich ein Spätstarter). In meinem Zimmer stand kein Computer. Wir hatten so eine alte Klapperkiste, mit der konnte man auch ins Internet. Aber ich hatte nicht einmal eine Email-Adresse. Wenn ich mit meinen Freunden etwas plante, telefonierten wir übers Festnetz. Oder machten alles in der Schule klar.

In den Autos war kein Navigationsgerät. Ich weiß noch, wie ich mit einer Freundin im Auto saß. Wir wollten in Burhave zelten. Und wir fanden den Weg irgendwie nicht. Die Freundin saß auf dem Beifahrersitz, die riesige Straßenkarte wölbte sich um ihren Kopf. Ich fuhr rechts ran und wir suchten den Weg in Friemelarbeit. Angekommen sind wir dann ganz gut. Auch ohne Navi.

Und wer weiß, was in zehn Jahren ist. Vielleicht werden dann nicht nur Online-Redakteure gesucht. Sondern auch iPhone-Redakteure, die Nachrichten so kurz schreiben, dass sie auf dem Display auch für Senioren sichtbar sind. Wer weiß?

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8 Kommentare zu “Früher – heute – später

  1. Ausdrucken, mitnehmen.

  2. Liebe Ulrike, ich bin 45 und auch ich wüsste nicht, was ich auf diese „Wo sehen Sie sich in …“-Frage antworten sollte. Das geht mir ungefähr seit dem Ende des Studiums so. Schon während der Realschule wusste ich: Ich will unbedingt zum Gymnasium, Abi machen und studieren. Tja, und danach habe ich mir gedacht: „Jetzt musst du mal was Ernsthaftes machen und damit dein Geld verdienen.“

    Damals war die Welt eine solche, dass ich noch als feste Freie im Lokalen richtig ordentliches Geld verdienen konnte. Und heute? Viel Journalismus ist nicht mehr und das hatte ich mir früher mal anders gedacht. Auf vielerlei Pfaden und mit vielerlei spontanen Entscheidungen und Fügungen bin ich heute eigentlich das, was ich mir immer gewünscht, aber nie gewagt hätte, zu planen: Kommunikations- und Marketingfrau – u.a. – im Kulturbereich. Aber auch das kann doch in zwei Jahren zu Ende sein oder auch noch lange nicht oder ich kann etwas ganz anderes machen.

    Deshalb halte ich solche Fragen für kompletten Nonsens, denn selbst wenn ich mir heute wünsche, oh, ich möchte als nächstes einen Riesenkulturbetrieb in der Hauptstadt vermarkten, hieße das noch lange nicht, dass das gelingen wird.

    Dennoch: Ich wünsche gutes Gelingen beim Vorstellungsgespräch! Von der Fünf- oder Zehnjahresfrage sollte die berufliche Zukunft nicht abhängen. Gerade nicht im Journalismus. Das wäre ja ein Treppenwitz, denn der Journalismus vor fünf oder zehn Jahren sah ganz anders aus als der heutige.

    • danke! vielleicht werde ich das problem bei der frage – sollte sie denn kommen – offensiv angehen.

      bei dem erfolgreichen vorstellungsgespräch vor mehr als zwei jahren antwortete ich übrigens auf die frage meines chefredakteurs: „wo sehen sie sich in zehn jahren?“ „vielleicht sitze ich auf ihrem stuhl.“ und er sagte: „da sägen schon andere.“ und ich: „dann säge ich schneller.“ heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, chefredakteurin werden zu wollen.

  3. Schnelle Auffassungsgabe, genaues Beobachten, scharfer Wortwitz, schwarzer Humor. Und das sind nur die Stärken, die mir ganz spontan einfallen.

  4. Auf der anderen Seite stell ich Bewerbern solche Fragen aber auch. Vielleicht nicht zehn Jahre, sondern drei, aber im Grunde die gleiche Szene.

    Denn es ist erstaunlich schwer, die Perlen im Meer der Mittelmässigkeit zu finden. Warum bewirbt sich jemand? Aus Verzweiflung, aus Berechnung („wenig Arbeit, viel Geld“), aus Langeweile, aus krankhaftem Ehrgeiz?

    Ist die Antwort auf die Frage einstudiert, bringt es mir als Fragendem natürlich nichts. Aber ab und zu hat man mit solchen Fragen Erfolg und bekommt kurzen Einblick in die Gedankenwelt, in die Motivation des Bewerbers.

    Will sagen: so albern ist die Frage gar nicht. Viel Erfolg!

  5. Wenn alles gut läuft, hier auf der Erde.
    Ansonsten Himmel oder Hölle,;-))

    Die Frage ist übrigens saublöd.
    Ich bin sie auch schon gefragt worden und war ähnlich verzweifelt.
    Heute glaube ich, er wollte mich nur stottern sehen.

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