Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Hallo, ich bin ein Nachname

4 Kommentare

Viele meiner Kollegen (überall auf der Welt) tun es, Autoren machen es. Und ich, ich hasse es. Das Weglassen des Vornamens, wenn man über Menschen schreibt. Dieses „Von der Leyen trat darauf hin erneut ans Rednerpult und nannte die Äußerungen Gabriels ein „Armutszeugnis“„. Natürlich, einmal vorher wurde Vorname genannt. Aber danach? Auch in Romanen. Furchtbar. „Meier nahm sich einen Kaffee und sah Schubert an: „Willst Du auch einen, Schubert?“, fragte er ihn.“

Ist einem schon einmal aufgefallen, wie häufig sich die Menschen in Romanen – besonders in Krimis – mit dem Nachnamen ansprechen? Noch nie habe ich eine Kollegin nur „Meyer“ oder „Schulte“ genannt. Oder „Schubert“. Ab und zu – und es ist ein Zeichen der Sympathie bei mir – mit einem „Frau“ davor. „Frau Meyer“ – trotz des Du.

Schlimmer und ungerner habe ich es aber in Artikeln, die ich lese. Ich weiß gar nicht, woher ich diese Abneigung habe. Ich finde es kalt, unpersönlich. Warum ein Portrait schreiben und ständig den Nachnamen weglassen? „Müller nimmt einen Schluck Tee, sieht aus dem Fenster, die Erinnerung an den großen Tag macht ihn glücklich. Das sieht man“ ist zwar okay. Schöner ist aber doch, den Vornamen mit zu verwenden. Müllers gibt es viele, aber Heinz Müller weniger.

Viele kennen schließlich jemanden, der Müller heißt. Der Name Müller ist also schon angefüllt mit Vorstellungen. Vielleicht mit karierten Strickjacken, braunen Hausschuhen und dem Geruch einer lange nicht mehr gelüfteten Wohnung. „Heinz Müller“ kennen aber weniger. Es ist also doch leichter für den Schreiber, den Namen mit neuen Assoziationen zu füllen? Und dem Sinn eines Portraits – der Vorstellung eines besonderen Menschen – näher zu kommen? Finde ich. Heinz Müller kann dann ein Mann sein, der eine seltene Apfelsorte vorm Aussterben rettet, an der Volkshochschule Klöppeln unterrichtet oder seit 77 Jahren mit seiner Frau Magda verheiratet ist und ihr jeden Sonnabend eine rote Tulpe vom Wochenmarkt mitbringt.

Ich bin auch sicher, dass Vornamen der Politik gut tun würden. „Ex-Ministerpräsident Stoiber soll alarmiert bei Merkel angerufen haben.“ Aus welchem Grund hat Edmund Stoiber nicht bei Angela Merkel angerufen, die übrigens Bundeskanzlerin ist?

Ich selber mag auch nicht mit meinem Nachnamen angesprochen werden. „Frau B.“ geht gerade noch, aber nur der Nachname? Nein. Furchtbar. Da bleibt mir schnell gerne mal das Herz stehen. Schwierigkeit: Mein Nachname ist auch ein ostfriesischer und auch ein niederländischer Vorname. (Und in den Niederlanden heißt der Butler von Dagobert Duck so. Echt). Folglich höre ich den Namen häufiger mal. Sei es, weil ein Mann gerade von seiner Ehefrau Lack bekommt, oder weil betrunkene Männer ihren Fußballkameraden anfeuern, noch mehr zu saufen.

Natürlich. Manchmal sind die Namenskombinationen ganz furchtbar. Da hat die Nennung des Names etwas von Gefoppe (durch dieses Wort wird mein Blog übrigens „frei ab sechs Jahren“). „Als Kevin-Justin Eichstätt das Buch aus dem Regal nimmt, da überkommt ihn etwas stolz: „Vier Jahre habe ich an der Geschichte gearbeitet“, sagt er.“ Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Trotzdem: Vorname. Finde ich.

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4 Kommentare zu “Hallo, ich bin ein Nachname

  1. Ich vermute die Vornamen werden einfach aus ökonomischen Gründen weggelassen. Außerdem geht es in tagespolitischen Artikeln eher selten um Personen, sondern um die Rollen oder Funktionen, die diese Personen erfüllen. Da reicht ein Nachname. In Romanen sind Vornamen natürlich wesentlich besser, um sich einzufühlen. Es sei denn Nachnamen werden bewusst als Stilmittel eingesetzt, um die entindividualisierte und gefühlsarme Gesellschaft darzustellen. Ich werde beim Lesen demächst mal darauf achten, wenn ich mal wieder zum Lesen komme.

    • aber es geht auch darum, welche personen ihr amt ausfüllen. und deswegen finde ich, dass man den vornamen auch ruhig mal dazuschreiben darf. dafür könnten die kollegen sinnlose füllwörter weglassen…?!

  2. In meiner Jugend *hust*, da war das total in. Da wurden irgendwie ganz viele so genannt, allerdings immer mit Artikel. Ich konnte aber nie eine Systematik dahinter erkennen, wer mit seinem Nachnamen und wer mit seinem Vornamen angesprochen wurde. Ich war auch eine Zeit lang „Die D*****“ und da ich 16 war, musste es natürlich daran liegen, dass ich nicht cool genug war für einen Vornamen. Das hat sich aber als falsch herausgestellt, da ein paar ganz doll coole auch „Der L*****“ oder „Der N****“ waren. Wie dem auch sein, ich find’s auch doof!

  3. Beim Sport ist das ja auch üblich – und das finde ich besser, als wenn die Reporter die Spieler nur bei irgendwelchen Spitznamen nennen. Ganz übel, wenn die Fans in irgendwelchen Foren anfangen, über „ihre“ Spieler nur noch in der Spitznamenvariante sprechen.

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