Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Tyrannei der Vierbeiner

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Ich bin versklavt. Keine römische Galeere ist die Ems hochgeschippert, vorbei am Stauwerk in Gandersum und dem Bingumer Sand, um mich zu kidnappen und zur Geliebten eines blinden Caesaren zu machen, und auch kein Vogelhändler sah mich, fesselte mich und brachte mich in ein mir unbekanntes Land. Nein. Ich habe zwei Haustiere. Sie sind die Herrscher – und ich bin ihr Sklave. Noch bevor ich mir morgens mein Müsli mache, greife ich zur Dose mit dem Trockenfutter und eine meiner letzten Amtshandlungen am Tag ist das Aufreissen der Nassfutter-Packung.

Wie gerne würde ich sagen „Ja, ich habe zwei Katzen und ich habe sie gut im Griff“. Nur: Sie haben mich im Griff – im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Krallen haben sich in mir festgekrallt, lassen mich nicht mehr los, jeder Versuch eines „Nein“ wird mit einem markerschütternden Jaulen übertönt.

Ich habe zwei Katzen. Oder: zwei Katzen haben mich.

Ein Beispiel. Die kleine Katze – Margarethe Rutherford – war so süß als ich sie bekam. Ihr Fell war flauschig und all ihr Begehr war es, sich in meine Kuhle zwischen Hals und Schulter zu kuscheln, um dort zu schlafen. Damals passte sie dort auch noch hinein. Heute hat sich ihr „Begehr“ verändert. Sie ist – und nein, ich übertreibe nicht – eine Tötungsmaschine. Eine Agentin des Todes, die sich hinter einem Blick liebreizend wie ein Sommermorgen verbirgt. Margarethe Rutherford beisst. Ihre kleine spitzen Zähnchen bohren sich in jedes Fleisch, das sich in ihren Weg stellt. Tot oder lebendig, Mensch oder Vogel – in alles werden die spitzen Zähne gebohrt, die Haut wird mit Katzensabber benetzt. Mein Bruder schenkte mir ein Buch („Wenn die Katze Probleme macht“), es half nichts. Sie sieht mich nicht als Spielzeug, dem man nur die Spieleigenschaft nehmen muss. Sie sieht mich als Opfer, dem man ein Stück Fleisch aus der Haut reissen muss. Kaum einer meiner Besucher hat diese Wohnung je ohne Biss und Kratzspuren verlassen.

Und ich, als gute Sklavin, finde Ausreden für ihr Verhalten: „Sie will doch nur spielen“, „Sie meint das nicht so“ oder „Ach, aber sie ist doch sooo niedlich“ – nein, ich bin ihre PR-Managerin und sie ist BP.

Doch damit ist es nicht getan. Bin ich mal zu lange weg, pinkelt sie mir in die Handtasche, bekommt sie nicht sofort nachdem ich mir abends eine Wärmflasche gemacht habe ihr Nassfutter – dann wird geschrien. Laut. Langanhaltend. Und ich renne barfuß zum Regal, reiße hektisch die Tüte auf und füttere sie. Sie schweigt, frisst, schnauft dabei – und ich habe Feierabend.

Doch auch der alte Mann – Festus Bukowski – ist nicht viel besser. Wahrscheinlich hat er Margarethe Rutherford vorgelebt, wie man mich am Rennen hält. Denn Festus öffnet keine Türen, auch wenn sie angelehnt sind. Er lässt öffnen. Er fährt seine Krallen aus, stellt sich auf die Hinterpfoten und macht sich lang. Dann schlägt er mit seinen Pranken gegen die Tür – ich stehe auf und öffne sie. Besonders perfide ist er, wenn es darum geht, nach draußen zu kommen. Denn: er ist alt, draußen ist ihm mittlerweile zu ungemütlich. Deshalb zieht er obige Show an der Terrassentür an, ich öffne sie ihm, er geht raus, ich schliesse die Tür. Nur, um zwei Minuten später durch infernales Geklopfe von außen wieder hochgeschreckt zu werden, zur Tür zu gehen, sie zu öffnen, ihn hineinzulassen, die Tür wieder zu schliessen. Der Rekord liegt bei neunmal innerhalb einer Stunde.

Warum tue ich das? Ich weiß es nicht. Manchmal, wenn ich im Supermarkt darüber nachdenke, was passieren könnte, würde ich eine neue Marke Katzenfutter kaufen, dann überkommen mich Panikattacken. Ich sehe mich als die Katzenlady von den Simpsons, verrückt, verwirrt, auf jeder Schulter eine Katze. Und ich: willenlos.

Doch auch bei meinen Eltern beobachte ich, wie sie sich ihren zwei Katzen unterwerfen. Jammert Schneeball, wird sie bemitleidet, gehätschelt und gepflegt. Steht sie auf der Treppe und schreit, bekommt sie etwas zu fressen: „Sie ist behindert“, sagen dann alle. Und tatsächlich: Schneeball 13 ist taub und hat einen Bandscheibenvorfall. Der Vorfall: Kein Wunder. Sie steht viel an der Treppe und schreit. Sechs Kilogramm Kampfgewicht sind ihr eigen. Auf Diätfutter oder Diät an sich reagiert sie mit – genau: schreien. Sie selbst hört ihr Geschimpfe nicht. Sie würde sofort verstummen.

Bei unserem Hund war es damals leichter. Bei Hunden sagt man: „Ja, die brauchen klare Ansagen.“

Doch was ist mit Katzen? Meine Flüsterversuche bei der rolligen Margarethe Rutherford waren schon nach zwei Sekunden zum Scheitern verurteilt. Soll ich zu ihr sagen: „Nein, Grietie. Man beisst nicht. Das tut weh.“? Nein, stattdessen bin ich eine Sklavin. Ich versuche, ihr nur keinen Grund zu geben, mich zu beissen. Abends spielen wir. Doch längst hat sie verstanden, dass das interessantere Ziel nicht die Angel mit wippernder und klingender Maus ist – sie hat meine Hand gesehen und für angreifenswürdiger befunden. Ich blute.

Und auch Festus Bukowski war heute schon zweimal draußen – um nach vier Minuten wieder reinzukommen. Dann gab es einen Aufstand vorm Futtertopf, weil ich mir Wasser für Tee gekocht hatte (Wasserkocher = Wärmflasche = Nassfutter), aber kein Futter rausholte (es wurde dann etwas Milch mit Wasser. Ich bin schwach, die traurigen Katzenaugen sind stark) und letztendlich wurde das Nassfutter verschmäht, weil es kein Thunfisch in GELEE war, sondern irgendetwas in Soße. Mehrere Minuten schlich man um den Fressenspott, um sich dann doch zu genehmen zu essen. Nicht ohne – zu schimpfen.

*Nicht falsch verstehen. Ich liebe meine Katzen und behandele sie wirklich gut. Und Margarethe KANN auch sehr lieb sein. Vor allem dann, wenn sie schläft.
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2 Kommentare zu “Die Tyrannei der Vierbeiner

  1. Ich verstehe dich so gut! Auch Katzeninspektor Titus hat so eine Eigenarten.

    Sobald ich auch nur einen Fuß in meinen Küchenbereich bewege, kommt er angewetzt und macht sich am Kühlschrank lang. Geht die Kühlschranktür auf, wird der Inhalt inspiziert. Ich bin sehr dankbar, dass er – anders als Bullerballer Fiete – nicht ständig auf die Arbeitsplatte springt und Dinge um- und kaputtschmeißt. Dafür spielt er gerne Beinslalom, vor allem wenn er hungrig ist. Er legt sich mit Vorliebe so auf Wolldecken, dass sie für den menschlichen Gebrauch nicht mehr verwendbar sind. Oder er betreibt schleichenden Grunderwerb auf der Bettdecke. Gerne wird sich auf den Rücken gekugelt und um Brauchkraulerei gebettelt. Manchmal erklärt man die kraulende Hand dann aber auf zum Feind, der bestrampelt und angenagt werden muss. Der Herr Inspektor liegt gerne auf der Brust, wo auch schonmal vor Freude gepupst wird. Er betet still die Terrassentür an, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ich die Tür öffne, werd der Kopf rausgehalten und gequäkt. Draußen ist es kalt / dunkel / nass. Doof! Nach dieser Beschwerde wird der Rückzug nach drinnen angetreten, für vielleicht ein oder zwei Minuten. Schließlich kann es sein, dass es draußen inzwischen nicht mehr kalt / dunkel / nass ist. Hin und wieder sitzt der Herr bei geöffneter Tür drinnen und guckt raus. Wenn ich seinen stummen Vorwurf ignoriere, kommt er irgendwann an und lässt sich bekuscheln. Bis ihm einfällt, dass er dringend draußen die Lage sondieren muss. Mittlerweile fürchte ich, dass er einen Trick gelernt hat. Würgegeräusche bei heraushängender Zunge – und schon werde ich flott. Der angetäuschte Kotzalarm hörte in der Sekunde auf, als er draußen in der Sonne saß und die Gegend betrachtete. Der Fiesling! Aber irgendwie ist es ja schon niedlich… Wenn er dann so im Schweinsgalopp von draußen hereingerannt kommt und mir überall hin folgt, um sich über die Dunkelheit / Kälte / Nässe draußen zu beschweren. Wenn er mir seine eiskalten Ohren an die Nase hält und mit seinen kalten Füßen auf mir herumtappt. Und dann manchmal nachts auf seinem Fleckchen des noch gut riechenden Handtuchs einschläft.

  2. Ich hab bei jeder Eigenart gedacht: „Aber Badcat …“. Aber Badcat ist halt tot. Und dann findet man all die nervigen Dinge plötzlich toll. Darum bin ich neidisch, selbst auf das schlechte Verhalten 😦

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