Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Worte mit Mindesthaltbarkeitsdatum

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Ich möchte ja keinen falschen Eindruck erwecken. Ich sammele keine Sätze, um sie dann hier zu verbraten. Ich sammele Geschichten, Eindrücke. Wie viele von all den Gedanken gar nicht hier landen. Weil ihr Inhalt gar nicht für einen ganzen Eintrag reicht. Manchmal ist mein Kopf einfach wortleer. Oder nur wortarm. Keine gute Voraussetzung für einen guten Arbeitstag.

Manche Sätze aber – um an den Beginn anzuknüpfen – die kommen in meinen Kopf. Und dann möchte ich etwas um sie herum erzählen. Aber diese Worte kommen nie. Deshalb bleiben einige Sätze für immer weggeschlossen – oder in einer Word-Datei, wo sie vor sich hinversauern. Haben Worte überhaupt ein Mindeshaltbarkeitsdatum?

Ich liebe Worte. Sie sind neben Senf, Frischkäse und Frikadellen, Blumenkohl und dem Fußball eine der wundervollsten Erfindungen der Zivilisation. Menschen, die gut reden können, deren Sätze wie kleine Gedichte klingen – die bewundere ich. Manchmal, wenn ich an der Supermarktkasse stehe, vor mir Menschen keinen Satz gerade sprechen können und einen Atemzug später mit ihrer Freundin oder ihren Freund küssen, dann wundere ich mich über den Lauf der Welt. Es gibt doch kaum etwas unerotischeres als einen Mann, der nicht richtig reden kann. Dessen Füllwörter die Anzahl der Wörter mit wirklichem Inhalt um Längen übertrifft. Furchtbar. Mich graust es bei dem Gedanken. Sehr sogar.

In einer lauen Sommernacht, am Niederrhein, da lief ich neben einem jungen Mann. Und wir unterhielten uns über das Wort „garstig“. Weil es ein Wort ist, das so selten benutzt wird. Und es war schön. Wir lächelten uns an.

Ohnehin gibt es so viele Worte, die vom Aussterben bedroht sind. Denn obwohl der Duden immer wieder neue Wörter aufnimmt, habe ich manchmal das Gefühl, dass die Worte, die uns zur Verfügung stehen, immer weniger werden. Alles ist irgendwie „cool“. Dabei kann es auch hervorragend sein. Beeindruckend. Wundervoll. Wunderbar. Toll. Bezaubernd. Bombig. Wie eine Freundin gerne einmal sagt: Knorke. Oder Sensationell. Hinreißend. Prächtig. Formidabel.

Hat sich schon einmal jemand das Wort „Wunderbar“ auf der Zunge zergehen lassen? Nicht nur als Name für eine Cocktailbar, sondern als Bezeichnung für das ein Treffen mit einer lieben Freundin, ein Milchkaffee, Wärme, während der Regen gegen die kalten Scheiben prasselt und hinunterrinnt. Und im Gespräch mit der Freundin ist es einfach wunder-bar. Ein kleines Wunder, dass man es geschafft, sich zu treffen. Ein Wunder, dass es innen warm ist und außen so kalt. Ein kleiner Mikrokosmos, in dem es wunderbar ist. Viel schöner als „cool“.

Ohnehin verwenden wir am Tag so viele Worte, ohne uns ihrer Bedeutung bewusst zu sein. Weil wir sie jeden Tag verwenden – jeden Tag benutzen wir sie und dabei werden sie in den Ohren stumpf. Bei mir zumindest.

In der vergangenen Woche hatte ich das Problem mit dem Wort „Deponie“. Jeden Tag fahre ich daran vorbei (beinahe jeden Tag) und es ist und klingt in meinem Kopf. Aber plötzlich fühlte es sich komisch an. Es klang nicht richtig, oder: Es klang so neu. Als hätte ich es vorher noch nie verwendet. „Deponie“. Ich schrieb es mehrfach hintereinander auf ein Blatt Papier. „Deponie“. Ich sagte es einige Mal laut. Mein Kollege sah mich verwirrt an. Den ganzen Tag über musste ich immer wieder über das Wort nachdenken. „Deponie“. Irgendwann war es wieder im Kopf. Und es klang auch wieder richtig. „Deponie“.

Um zum Beginn zurückzukehren, endlich: Ich möchte keinen falschen Eindruck erwecken. Aber manchmal habe ich nur einen Satz im Kopf. Und darum herum schreibe ich einiges auf. Weil ich den Satz festhalten möchte – aus Angst, dass die Worte aus meinem Kopf herausfallen und nie wieder da sind. Nicht wieder kommen. Weg sind. Für immer. In Dateien, die „Soso“ heißen. Oder „Nur“. Oder „Für“. Irgendwie. Und da stehen dann Fragmente wie

„Romantik – Das schönste war, mit ihm aus einem Becher Kaffee zu trinken. Wenn meine Finger sich durch den viel zu engen Henkel schoben, ich meine Ellbogen leicht auf dem Tisch abstellte und die Lippen dort ansetzte, wo er seine vorher gehabt hatte, ich einen Schluck nahm, in seine Augen sah – dann war es vollkommen.“

Ich wollte nämlich einmal – wieder – über Romantik bloggen. Aber mehr als der Satz fiel mir nicht ein. Nun. Es sind zwei Sätze. Aber dann war Schluss. Doof, wenn der Wortfluss versiegt. Und einfach kein Sturm folgen möchte. Da gibt es dann nur wenige Worte: Grh – beispielsweise. Oder argh.

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8 Kommentare zu “Worte mit Mindesthaltbarkeitsdatum

  1. Ich misstraue Leuten, die frei so reden können wie gedruckt. Alles Schaumschläger, meinem Vorurteil nach, die reden, reden, reden, aber sonst nichts auf der Pfanne haben. Und Blumenkohl ist eklig, so!

  2. Blumenkohl ist wunderbar. Und fabelhaft ist ein großartiges Wort!

  3. Das Wort „wunderbar“ tauchte einmal in einer Liebeserklärung an mich auf. Seitdem finde ich es… großartig!

  4. Sprache ist einfach wunderbar! Ich habe mal zu Schulzeiten schöne oder kreative Wörter und Formulierungen gesammelt. Ich bewundere und hasse zugleich Adorno dafür, dass er so kompliziert und unverständlich schreibt. Auch der Klang verschiedener Sprachen schmeichelt meinem Ohr, vor allem sämtliche britischen oder irischen Englischakzente, aber auch Französisch oder Portugiesisch klingen einfach melodisch und ich wünschte ich könnte sie ebenfalls sprechen und zusätzlich noch verstehen.

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