Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Zwei sich plusternde Gockel kurz vorm Exitus

Ein Kommentar

Mein Bruder musste sich mal wieder einmal beweisen. Mit seiner (neuen) Freundin war er im Supermarkt. Einen Einkaufswagen? Braucht der Mann vom Fitnessstudio nicht. Schliesslich ist er total stark, Eiweißshakes und Quark bauen Muskeln auf, dazu Bananen und Haferflocken: Käme es hart auf hart – mein Bruder könnte den ganzen Supermarkt anheben. Leider hat er vergessen, dass zum Tragen von diversen Einkäufen nicht nur Stärke wichtig ist – auch Geschicklichkeit ist von besonderer Bedeutung: Zwei Kilogramm Quark rutschten aus seinen Armen auf den Supermarktboden. Sauerei. Eiweißshakes helfen bei so einem Desaster nur wenig bis gar nicht.

Da war der Bruder wieder in die „ich muss mich beweisen“-Falle geraten. In die geraten beinahe nur Männer (ich auch manchmal. Wenn ich beispielsweise ein Sofa alleine an die Straße trage. Wir erinnern uns). Vergangene Woche durfte ich zwei Männer, die beide schon die Grauhaargrenze überschritten hatten, dabei beobachten, wie sie sich aufplusterten. Wie – siehe Titel – zwei Gockel kurz vorm Exitus. Gegenseitig machten sie sich schlecht, versuchten ihr Gegenüber zu übertrumpfen. Wie zwei junge Hunde sprangen sie umeinander herum.

Dabei sind Männer, die ihre Männlichkeit ständig beweisen wollen und müssen, mir suspekt. Völlig uninteressant.

Meine Eltern haben einen Bekannten. Der ist 1,80 Meter Muskelmasse x 1,80 Meter Muskelmasse und fährt ein dickes Auto. „Der ist so männlich“, sagte mein Bruder bewundernd. Dabei – und ich denke, viele Frauen werden mir nun zustimmen – hat Männlichkeit rein gar nichts mit dicken Autos und Muskeln zu tun. Männer, die pumpen, pumpen, pumpen scheinen eher, irgendetwas zwanghaft ausgleichen zu wollen. Fehlende Männlichkeit vielleicht?

Ein Bekannter von mir war vor kurzem etwas geknickt. „Was findest Du nur an dem?“, fragte er mich und zeigte auf einen uns bekannten Mann. „Findest Du den etwa männlich?“, fragte er weiter. Hätte ich die Wahrheit, nämlich „ja“ gesagt, dann hätte es eine ellenlange Diskussion gegeben. Ich schwieg. Denn der von uns gesehene Mann ist wirklich „männlich“, obwohl er keine Schönheit ist. Er ist gerade deswegen so männlich, weil er völlig unaufgeregt ein „Mann“ ist. Kein sich-beweisen, kein pumpen, kein dickes Auto, kein sich-aufplustern.

Denn gerade das macht „Männlichkeit“ aus. Keine permanente Reflexion über den eigenen Marktwert, kein überdimensionierter Aufbau von Muskelmasse, kein Machogehabe. All das wirkt ohnehin nur lächerlich. Frauen ohne Hirn oder mit einem Faible für Michelin-Männchen (oder beidem) mögen vielleicht drauf reinfallen. Ich nicht. Und viele der Frauen, die ich kenne, auch nicht.

Ohnehin ist es ja anstrengend. Es ist anstrengend, sich das ganze Geprotze anzuhören. Ich kannte mal einen Mann, der musste sich ständig als sensibler und völlig falsch verstandener Mann prduzieren – dabei war er einfach nur ein Arschloch.

Dabei baut eine ganze Branche auf diesem Männlichkeitswahn auf. Als ich einmal für meinen Bruder eine Zeitschrift besorgen sollte, sagte er nur: „Irgendetwas für Männer. Mit Fitness.“ Ich wurde beinahe erschlagen von dem Zeitschriftenangebot. Dazu kamen dann dann noch „Selbst ist der Mann“ (schon einmal eine „Selbst ist die Frau“ gesehen?) und alles andere, wo Männer erfahren, was sie für Männer anziehender macht. Klar: Männer, die lesen können, sind scharf – aber naja.

Und wo ich nun gerade darüber nachdenke: Auch uns Frauen wird in dutzenden Zeitschriften gesagt, wie wir wirklich weiblich sind. Denn auch wir rennen alle der Weiblichkeit hinterher – ohne zu wissen, hinter was wir her rennen. Genau wie die Männer. Wir sollten stehen bleiben. Und nen Cocktail trinken. Ist bestimmt amüsanter. Und schmeckt auch viel besser als ein Eiweißshake.

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Ein Kommentar zu “Zwei sich plusternde Gockel kurz vorm Exitus

  1. Den Cocktail könnten wir ja bald mal in die Tat umsetzen. 😉

    Bei dem Rest kann ich seit Jahren nicht mehr mitreden. Ich hatte mir irgendwann nochmal ne Men’s Health gekauft, weil ich mir dachte, ich könnte da was Unterstützendes für mein Sportvorhaben finden. Albern! Sowohl die Idee, als auch der Rest der Zeitschrift… Aber alle Jahre wieder fällt man doch drauf rein.

    Frauenzeitschriften sind da, wie Du richtig erkannt hast, nicht viel besser.

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