Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Eine Runde Mitleid für jeden

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Ich bin großer Verfechter von Selbstmitleid. In vernünftigen Maß natürlich. Selbstmitleid tut so gut, reinigt Körper (Weinen!!!) und Seele (Dinge kaputt denken) und schmeckt manchmal auch so lecker (heiße Milch mit Honig) und wärmt (in Wolldecke eingewickelt). Und es gibt so viele Gründe, um sich selbst zu bemitleiden. Man muss sie nur suchen. Eine kleine Inventur.

Heute morgen, auf dem Weg in die Redaktion, sah ich auf dem Autobahn in den Rückspiegel – und entdeckte eine Falte auf meiner Lippe. Erst dachte ich, es wäre ein Riss, weil es doch so kalt ist und ich meinen Lippenpflegestift zuhause auf der Waschmaschine hatte liegen lassen. Dann – ich wäre fast in die Leitplanke gerast – sah ich genauer hin, verzog meinen Mund, drückte mit meinem Finger unsensibel auf der Stelle herum. Ich nahm den Fuß vom Gas – schreckerstarrt war ich. Diese kleine Falte auf meiner Oberlippe, sie ging nicht weg. Bis zum Mittag war der Tag gelaufen. Echt. Ich warte beinahe täglich auf die erste Falte in meinem Gesicht. Ich hatte auf ein süßes Lachfältchen gehofft – aber eine Furche in meiner Oberlippe? Das ist stillos. Punkt eins für eine Runde Selbstmitleid.

Vor kurzem saß ich vor meinem Laptop, traurige Musik vernebelte mein Gehirn. Wenn Rocky Votolato singt „Oh god, I love you, I mean forever“ – dann macht mein Gehirn immer einen Hopser. Manchmal auch zwei – und dann wurde mir das Elend bewusst, dass der für mich temporär tollste Mann der Welt, mich nicht für die temporär tollste Frau der Welt hält. Das ist eigentlich gar nicht so schlimm. Also schon. Aber verkraftbar. Nur wenn die traurige Musik komische Dinge mit meinem Herzen macht. Ja, das geht ja nicht! Dann hat das Selbstmitleid schon die zweite Runde gewonnen. Dann wird einem die Falte in der Oberlippe mehr als klar. Knock-Out. Bam!

Der junge Mann, der neben mir wohnt – und der in einer Person Spanner, Alkoholiker, Idiot, Schlagerfan und ChinaBöller-D-Werfer in sich vereint -, ist einsam. Das ist traurig. Manchmal, wenn ich schlafen möchte, dann versucht er, sich mit Andrea Berg zu trösten. Persönlich kenne ich sie nicht. Andrea Berg. Aber sie singt – und mein Nachbar singt auch mit. Ich liege dann in meinem Bett. Und der Hass richtet sich nicht gegen Andrea und den Spakko-Nachbarn. Ich hasse mich. Weil ich es nicht schaffe, die Polizei zu rufen und auf die Ruhestörung hinzuweisen (ich habe ihn schon einmal angezeigt – aber das war etwas anderes…), und weil ich so viel schlechtes Karma angehäuft habe, dass ich mit diesem Nachbarn gestraft werde. Und weil ich müde bin, siegt mein Selbstmitleid. Nimmt überhand. Bam! Bam!

Selbstmitleid ist gut. Und manchmal feiere ich damit selber. Dann stelle ich mich unter die heiße Dusche, schäume mich mit Wellness-Duschgel ein und weine eine kleine Runde. Weil ich mich selber so jämmerlich finde. Dann klettere ich auf mein Sofa, meine Schlabberhose hängt mir beinahe in den Kniekehlen und selbst meine Haare hängen traurig runter. Obwohl ich ja mittlerweile einen Jungshaarschnitt habe. Da hängen die Haare nicht mehr – sie stehen wirr ab. Die Haare. Ich trinke eine ganze Flasche Rotwein. Mein Glas fülle ich dabei mit zittriger Hand, die Wolldecke dabei bis unters Kinn gezurrt. Auf dem Glas sind unzählige Fingerabdrücke, weil ich aus Angst vor faltigen Händen eine ganze Tube Creme auf meinen Fingern verteilt habe. Dabei weine ich natürlich weiter. Und weil ich mich selber als erbärmliche Gestalt in der Terrassentür spiegele, weine ich noch mehr. Weil ich jetzt – im höchsten Moment des Selbstmitleides – so schlimm aussehe, dass alleine meine Gesichtsfarbe (verquollen, fleckig, mit einem Zartbitterschokoladenfleck auf der rechten Wange) für zehntägiges Selbstmitleid sorgt. Es ist ein Graus. Prost, kann man dann nur noch sagen.

Dann gehe ich wankend ins Bett, ziehe die Decke mit dem Gedanken über den Kopf, mein Schlafzimmer nie wieder zu verlassen. Weinbeseelt schlafe ich ein, sabbere ein wenig in mein Kissen.

Wenn ich nach so einer Partie Selbstmitleid wieder aufwache – dann ist alles gut. Die Falte auf meiner Lippe ist wie von Geisterhand verschwunden (doch nur trocken gewesen?), der temporär tollste Mann der Welt kann mich mal. Vor meinem geistigen Auge entsteht der Moment, in dem ich ihm rein zufällig in der Fußgängerzone begegne. Ich habe einen supertollen Typen im Arm, er eine Netto-Plastiktüte mit Plastikbierflaschen in der Hand. Das reicht schon. Ihm wird klar, dass ich für ihn die beste Frau der Welt hätte sein können – mir wird klar, dass er mich nie verdient hat. Und während ich von dieser Begegnung träume, gehe ich zum Telefonbuch, suche die Durchwahl für die Polizei und lege sie auf mein Nachtischschen. Damit ich beim nächsten Duett Andrea und Nachbar sofort zum Handy greifen kann.

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7 Kommentare zu “Eine Runde Mitleid für jeden

  1. Ich empfehle als Soundtrack für die Phase nach dem Selbstmitleid: „Ohne dich“ von den Wise Guys, Ann Sexton „Miss me“ oder „You’re losing me.“;
    Gut ist auch immer „I’m a rock“ von Simon and Garfunkel oder „Diamonds are forever“ gesungen von Shirley Bassey. Diese beiden Stücke können einen zum Heulen bringen oder ne Trotzreaktion hervorrufen, je nach Gemütslage.
    Ein Horrorszenario meines eigenen Lebens bildet übrigens der Film „Was vom Tage übrig blieb“ ab.

    • Mein Tip für Selbstmitleidsmomente ist ja Tocotronic – die haben speziell in den frühen Alben soviel Melancholie und Depressionen drinnen, dass man richtig im eigenen Selbstmitleid baden kann.

      Sie wollen uns erzählen
      Wir sollen uns nicht mehr quälen
      Und sie sind schon zufrieden
      Wenn wir die Kurve kriegen

      Denn für unser Selbstmitleid
      Haben sie keine Zeit

      Wenn man dann genug hat, kann man wieder was fetziges auflegen und langsam anfangen, Pläne für das kommende neue Jahr zu schmieden.

  2. der Text ist aber traurig ;o( Du weißt aber, dass ich immer für dich da bin???

  3. Du solltest öfter DICH feiern als mit deinem Selbstmitleid zu feiern!

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