Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Sich selbst neu erfinden

2 Kommentare

Manchmal, da muss einfach alles werden. Da möchte man all den Ballast der vergangenen Jahre abwerfen, der eigentlich gar kein Ballast ist. Da möchte man einen Strich ziehen, jemand ganz anders sein, sich ein neues Label verpassen: Schlampe beispielsweise, erfolgreiche Endzwanzigern vielleicht auch. Ökoterrorist, Missionar, gute Hausfrau, ordnungsliebende Leseratte. Irgendwas. Dabei wissen wir manchmal gar nicht, von welchem Label wir überhaupt wegswitchen wollen. Weil wir gar nicht wissen, welches Label wir gerade tragen. Nur sicher ist: Es gefällt uns nicht, wir brauchen dringend ein Relaunch.

Bei mir gibt es diese Phasen, wenn ich zu wenig geschlafen habe, ein Mann aus meinem Leben verschwindet, Freunde mich enttäuschen oder mir einfach alles so sehr auf die Nerven geht, dass ich mir wünsche, die Welt wäre eine Legowelt mit vielen bunten Steinen, die ich nach Lust und Laune umbauen kann – und niemand sonst bekommt es mit. Eine kleine Scheibenwelt UND NUR ICH SPRECHE DIE WAHRHEIT.

Dann verändern wir unsere Frisuren, misten alle Klamotten aus, die irgendwie nicht mehr „wir“ sind (wie wir meinen), das Sofa wird umgerückt, die Tischdecke gewechselt, alle grünen Kerzen werden durch dunkelblaue ersetzt und das braune Cordkissen kommt in die Kommode – weil es auch nicht mehr „wir“ ist (wie wir meinen). Dann gibt es einen Wellnessabend („Ab heute peele ich mir meine Haut wirklich dreimal die Woche und creme mich regelmäßig ein“) und wir glauben, dass fortan alles besser wird. Wird es das?

Ich für meinen Teil habe nach maximal dreimal peelen schon wieder „vergessen“, dass ich es nun regelmäßig machen wollte. Das Lieblingskissen ist auch schon wieder aus der Kommode geholt worden, denn nur darauf kann ich am Freitagabend während „Special Victim Unit“ über den Fernseher flimmert, so richtig schön rumeumeln, die Augen schliessen und während im Fernsehen furchtbare Verbrecher gefangen werden davon träumen, wie ich vor ein paar Jahren noch freitags in die Diskothek ging und nicht völlig erledigt auf dem Sofa lag.

Auch die dunkelblauen Kerzen kommen bald wieder weg, weil ich die grünen doch schöner finde, auch wenn sie viel weniger puristisch sind. Dabei wollte ich doch so gerne puristisch wirken. Clean, zielstrebig, ohne Schnörkel. Aber nach einer Woche liegen wieder zehn Zeitungen übereinander, deren Leitartikel ich noch „unbedingt“ lesen wollte, das Strickzeug verdeckt die so mühsam hergerichtete (puristische!) Deko auf dem Beistelltischchen und das schöne Schlabber-T-Shirt wurde auch wieder aus dem Altkleiderbeutel geholt und liegt nun zerknüllt auf dem Sofa.

Und der Besuch der spontan reinschaut, sieht nicht die Wohnung einer zielstrebigen Puristin (dabei habe ich doch vom spontanen Besuch in der puristischen Wohnung geträumt – und davon, wie der Besuch sich begeistert umsieht und in mir – na eben – die zielstrebige Puristin erkennt), der Besuch sieht mich: eine Chaotin, die sich nicht entscheiden kann (das T-Shirt auf dem Sofa), die sich zu viel vornimmt (die zehn Leitartikel), die keine Ahnung von Stil hat (die grünen Kerzen) und einfach gar keine Ordnung halten kann (das Strickzeug auf der Dekoschale).

Es klappt einfach nicht. Manche mögen es „den fehlenden inneren Schweinehund“ nennen, ich nenne es eine starke Persönlichkeit, die sich einfach nicht hinter einer puristischen Einrichtung verstecken kann. Nun, ich nenne es „eine starke Persönlichkeit“ um mich selber zu rechtfertigen. Weil ich es einfach nicht kann. Mich an die dunkelblauen Kerzen gewöhnen und an das Sofa ohne mein bequemes braunes Kissen.

Und nach vier Wochen trage ich wieder meine alten Klamotten, die grünen Kerzen sind schon beinahe heruntergebrannt, das Kissen hat eine durchgehende Delle von meinem Kopf und nichts erinnert an die Phase, in der ich eine Puristin, eine Missionarin oder eine erfolgreiche Endzwanzigern sein wollte. Welches Label ich eigentlich trage – das habe ich aber trotzdem nicht erkannt. Label-los eben. Auch ein Label. Bis zum nächsten Moment, in dem zu wenig Schlaf und Enttäuschungen dafür sorgen, dass es auf jeden Fall ein anderes Label wird. Für zwei Wochen.

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2 Kommentare zu “Sich selbst neu erfinden

  1. Du bist einfach… hach! 🙂

  2. Kenn ich. Ich will eigentlich jede Woche eine ordentliche, konsequente, gut organisierte, gesundheitsbewusste und engagierte Junglehrerin sein. Klappt aber nicht so richtig.

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