Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Liegend, auf der Schulter einer Gigantin

7 Kommentare

Ich komme ja sehr gut alleine zurecht. Das kommuniziere ich gerne, häufig, an unpassenden Stellen. Denn die vergangenen Jahre und die Beobachtung vieler Paare, Flirts und Begegnungen hat mich gelehrt, dass es eigentlich sehr gut ist, auch mal schwach zu sein – oder eben zumindest so zu tun. Nun, jeder ist eigentlich mal schwach – und ich war es gestern. Körperlich. Jeder wäre zu schwach gewesen. Das sage ich einmal vorweg. Aber es gibt Menschen, die beissen sich durch. Ich zum Beispiel.

Ich bin am ausmisten. Alte Möbel kommen weg, ausgelesene Briefe von Männern eines vergangenen Lebens wandern in den Papiersack. Dazu Deko-Artikel, die nur im Schrank bei IKEA toll ausgesehen haben und hier vor allem einen Jutebeutel von innen sahen – oder einen Karton – wandern in den grauen Restmüllsack. Hier ist alles im Umbruch, ich bin im Aufbruch. Irgendwie.

Nun. Heute ist Sperrmüllabfuhr. Die Sachen mussten gestern also an die Straße geschleppt werden. Zwei große Bücherregale, ein kleines Regal, ein Lattenrost eines 140 Zentimeter-Bettes, ein altes Sofa, auf dem drei Menschen sitzen konnten, Kleinkram. Ich fragte meinen Nachbarn, ob er mir helfen könne. Er sagte: „Ja, aber ich muss noch eben etwas essen.“ Ich sagte: „Okay“, und fing an den Kleinkram an die Straße zu stellen. Dann sah ich auf die Bücherregale: „Pfh, das schaffe ich doch auch.“ Also lehnte ich mich nach hinten, legte das erste Regal auf meiner Brust ab – mir wurde schlagartig klar, was Fußballer mit der „breiten Brust“ wirklich meinen – und schob mich und das 180 Zentimeter breite Bücherregal schräg durch die Tür. Es war eine Art Triumph über die Schwerkraft.

Danach sah ich das etwas schmalere Regal an – und brachte es auf die selbe Art an die Straße. Danach folgte das – zugegeben sehr sperrige – Lattenrost und dann – mein Nachbar war mit seinem Essen immer noch nicht fertig – sah ich auf das Sofa. Schwer, sperrig, zu breit für die Tür. Es müsste gekippt werden. Aus der Wohnung meines Nachbarn kam Snirtje-Geruch, ich sah noch einmal auf das Sofa, ging einmal um das wuchtige Ding herum und schob es leicht. Ging. Schwer zwar, aber: Selbst ist die Frau. Fünf Minuten dauerte es, dann hatte ich das alte Sofa durch meine Wohnung geschoben, gezogen und mit dem Bein getreten. Ich hatte es gekippt, halb hochkant gestellt und etwas gedreht. Als ich es dann auf der Auffahrt hatte, war es ein leichtes, das Sofa zum Rest des Sperrmülls zu stellen.

Kurze Zeit später klingelte es an meiner Wohnungstür. „Ich bin satt und kann was tragen“, sagte der Nachbar und sah an mir vorbei in die Wohnung. Da stand kein Bücherregal mehr im Weg – es sah leer aus. „Wo sind denn die Sachen“, fragte er mich. Und dann sagte ich es ihm. Und er sah mich an. Er schüttelte den Kopf: „Mensch, Ulle…“ Dann sah er wieder in den leeren Flur, drehte sich um, ging nach draußen zu dem Sperrmüllhaufen. Ich ging hinter her. Immer wieder schüttelte der Nachbar den Kopf, murmelte irgendetwas. „Es ist ja schön, dass Du das alleine KANNST, aber Du hättest es nicht alleine machen MÜSSEN“, sagte er. Dann murmelte ich. Und er sah mich wieder an: „Du könntest manchmal einfach so tun, als könntest Du nicht alles alleine. Ein bisschen Mädchengetue hier, ein wenig Mädchengetue da hat noch niemandem geschadet.“

Sicherlich. Ein wenig Mädchengetue hat noch nie geschadet. Aber wenn ich sage: „Oh, ich kann das alleine nicht“, dann komme ich mir falsch vor. Weil nur dumme Männer nicht merken, dass ich kokettiere, schäkere und sie eigentlich verarsche. Und dumme Männer finde ich doof. Nichts ist schlimmer und unerotischer als ein Mann, der keinen Satz geradeaus reden kann. Kluge Männer durchschauen mich. Wenn sie Mitleid haben und mir helfen, verliere ich den Respekt. Ein Kindheitstrauma scheint der Grund zu sein. Ich weiß nur noch nicht welches.

Heute morgen wachte ich auf, mein Rücken schmerzte, ich kann nicht mehr aufrecht gehen. Das ist der Preis der Selbstständigkeit. In meinem Auto steht eine Kiste Mineralwasser. Glasflaschen. Ich kann die Kiste nicht tragen. Und ich traue mich nicht, meinen Nachbarn zu fragen. Er würde mich auslachen.

Advertisements

7 Kommentare zu “Liegend, auf der Schulter einer Gigantin

  1. Das klingt ja wundervoll! Willst du ihn nicht heiraten? Allerdings könnte es auch nur die typisch männliche Zeit-Verschiebe-Drück-Taktik gewesen sein…

    Ach ja. Und er hat Recht. Aber ich mach das auch immer so.

  2. Manchmal wär ich gern ein bisschen mehr wie du. Ich bin ja immer eher für „Mädchengetue“

  3. Ja, das kommt mir so bekannt vor. Ich ziehe ja auch gerne meine Umzüge ganz alleine durch…mein Hochbett hab ich immer alleine aufgebaut! Zwei Männer brauchen da auch einfach länger für (das wurde getestet)…inzwischen habe ich sogar eine gute Taktik entwickelt ein gefülltes Bücherregal beim Umdekorieren einfach komplett zu verschieben (Ausräumen kostet Zeit und macht nur Spaß, wenn man eh umsortiert ;-).

    Aber ich konnte noch nie gut nach Hilfe fragen. Sagte schon meine Grundschullehrerin. Scheint also auch ein Kindheitstraume zu sein. Vielleicht sollten wir mal zusammen zur Therapie *g*

    • das mit dem bücherregal verrücken kann ich auch. da ist sensibilität gefragt – das können männer eh nicht so gut.

      wenn wir irgendwann gemeinsam als erfolgreiche frauen in einer stadt landen sollten – was wunderbar wäre – dann könnten wir gemeinsam die therapie beginnen. damit wir um hilfe bitten können – ohne unsere würde zu verlieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s