Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Eine Frau, ein Fahrrad, ein Fisch

2 Kommentare

Ich mag es ja kaum sagen. Früher, als ich mich ausklingenden Teenager-Alter befand, da war ich eine richtige kleine Emanze. Heute überkommt mich die Schamesröte, wenn ich nur daran denke, dass auf meinem Auto ein Aufkleber

„Ich bremse auch für Männer“

prangte. Größter Fremdschämfaktor sind für mich nicht mehr Frauen, die beim „Supertalent“ mit ihren Brüsten Wassermelonen oder Bierdosen zerdeppern, sondern Alice Schwarzer, die den Kachelmann-Prozess kommentiert. (Letzteres musste auch einmal gesagt werden). Wobei: Damals, zu den ausklingenden Teenager-Zeiten, gab es noch kein „Supertalent“. Aber hätte es das gegeben: die Frau hätte mich aufgeregt, wahrscheinlich hätte ich einen Exorzismus mit einer ganzen Aufklebersammlung mit Emanzensprüchen durchgeführt. Der „Emanzismus“ – wer kennt ihn nicht?

Auf meinem Lederfaulenzer hatte eine Emanzen-Freundin sich mit wundervollen Sprüchen verewigt. Wir wetterten im Werte-und-Normen-Unterricht gegen das Patriarchat, gegen die gängige Moral, gegen alles.

„Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“

war unser Lieblingsspruch. Wir lasen Bücher, die mit Sätzen endeten wie

„Mein Bauch gehört mir“

und Männer als ständige Lüstlinge, grenzdebile Vollidioten und verantwortlungslose Molche darstellten. Dass ich mich halbwegs normal entwickelt habe, scheint ein Wunder angesichts dieser Phase. Einer meiner Lehrer verdrehte gerne einmal die Augen, wenn ich zu den Hasstiraden gegenüber Männern ansetzte. Der Arme. Ich hätte nicht nur die Augen verdreht, ich hätte mich des Unterrichts verwiesen. Für immer.

Mein kleiner Bruder hatte ja auch einmal solch eine ähnliche Phase. Er hasste nicht alle Männer, er hasste alle Mädchen. Er war aber nicht 16, 17 Jahre alt – er war acht. Wenn ein Mädchen in seine Nähe kamen – oder auch Muttern oder Schwester – schrie er: „Weg, von euch bekommt man Mädchenseuche.“ Mädchenseuche war, sich mit Glitzer einzuschmieren, mit Barbies zu spielen und generell einfach, ein Mädchen zu sein. Diese Phase hat er auch überwunden. Er liebt es, junge Frauen anzufassen. Und würde der Weg zu einer schönen Frau über Glitzer gehen – er würde sich damit einschmieren, einseifen, es trinken.

Auch bei mir schwand die Angst vor den Männern – und als nichts anderes bezeichne ich meine Feministinnenphase – mit der Zeit. War es, weil ich – zu meiner eigenen Überraschung – Männer traf, die gar keine Lustmolche waren -oder weil ich später an der Uni Menschen kennenlernte, die im Männerhass sogar einen Professorentitel hatten. Sie nannten sich „Professorinnen für gender studies“. Und ich kenne mindestens einen Mann, der sich nach einer der Vorlesungen dieser akademischen Emanzen alles abwaschen wollte, was ihn zum Mann machte (ging aber nicht, so scharf ist nicht einmal Gall-Seife). Ich kam zum Schluss, dass es keinen richtigen Emanzen-Weg gibt. Und es stellte sich mir irgendwann die Frage: Wenn die Frauen ihr Ziel erreicht haben (nämlich die Auslöschung aller männlichen Wesens mit zeitgleicher Erschaffung einer Möglichkeit, Kinder alleine zu zeugen und sie in einer Badewanne neun Monate wachsen zu lassen – wir erinnern uns an „Mein Bauch gehört mir“), gegen was würden sie dann kämpfen? Denn dass diese Art Mensch niemals aufhört, irgendetwas zu hassen – das ist ja wohl klar.

Sicherlich: Ohne die Arbeit vieler bewundernswerter Frauen dürfte ich immer noch nicht wählen, nicht für mich arbeiten (gar nicht arbeiten, außer am Herd) und meine Eltern hätten mich wahrscheinlich schon längst irgendeinem übriggebliebenen Junggesellen vom torfbraunen Fehn versprochen. Aber diese Emanzenphase vor einigen Jahren (nun: vor einem Jahrzehnt), die ist mir echt peinlich. Ich war ja nicht für Gleichberechtigung. Ich war für die Abschaffung der Männer. Heute frage ich mich: Wie sollte ich das überleben? Es gebe keinen Blog, ich müsste gleich Frauenfußball angucken und das „Hausbuch für die deutsche Familie“ wäre meine Bibel. Wobei, moment, Stop: Das „Hausbuch für die deutsche Familie“ ist eine Bibel. Bis auf das Einleitungskapitel. Das Kapitel über Krankheiten wie Morpiumsucht und allerlei Geschlechtskrankheiten sollte man überlesen.

Früher hätte ich übrigens geschrieben: „… und allerlei Geschlechtskrankheiten sollte frau überlesen.“ In einer Mathearbeit habe ich das mal gemacht. Als ich einen Rechenweg erklären sollte. Jedes „man“ habe ich durch „frau“ ersetzt. Ich bekam die Arbeit wieder und mein Mathelehrer hatte darunter geschrieben: „Mangold = Fraugold / manchmal = fraumal“. Ich schäme mich noch heute dafür. Ehrlich.

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2 Kommentare zu “Eine Frau, ein Fahrrad, ein Fisch

  1. Ich kann nur sagen: Scham? Oh ja!
    Aber ich hab das gleiche mit dem Sozialismus statt Emanzen gehabt. Jung baut man eben Scheiße.

  2. Na, dann sei mal froh, dass du nicht bei uns studiert hast. Da hat man manchmal das Gefühl, dass sogar die Männer Männerhasser sind. Und wenn du geredet hast und hast „und -innen“ vergessen, haben dich ca. 150 Augenpaare verachtend angestarrt. (Und wenn jemand anderes das „und -innen“ vergessen hat, war ich 100% bei den 150 verachtend starrenden.)

    Ich muss jetzt im Umgang mit Klient_innen (;-) aber schon manchmal zusammenreißen da nicht zu sagen: „Hör auf so frauenfeindlich zu reden!“ (Und oft sind das auch Frauen)

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