Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Wohnungseinrichtung – ein Spiegel

2 Kommentare

Vor einigen Jahren – es war zur Oderflut, ist also schon lange her – sagte Harald Schmidt einmal folgendes: „Die Flut hat etwas Gutes. Nun verschwinden die hässlichen Sofas aus den Häusern.“ Ich weiß noch, dass die BILD das nicht so amüsant fand – ich schon. Irgendwie. Wobei ich mich auch nicht freuen würde, wenn plötzlich ein Fluss in meiner Wohnung steht. Mir reicht es schon, wenn mir mein Wischeimer umkippt. Passiert hier in Ungeschickthausen gerne einmal…

Es gibt unglaublich viele hässliche Möbelstücke. Der gemeine Mensch denkt zwar, Ikea würde vor hässlichen Möbeln schützen – die scheinen aber auch noch nie eine Tine-Wittler-Sendung gesehen zu haben. Ikea hat zwar schöne Möbel – es gibt aber auch Ausreisser, und merkwürdigerweise finden diese Ausreisser sich häufig in den Wohnungen, die bei „Unsere gemeinsame Wohnung“ vorgestellt werden. Diese Sendung wäre jedoch einen eigenen Eintrag wert. Da haben sich Menschen gefunden, die sonst unvermittelbar wären, Rumpelkammern werden als begehbare Kleiderschränke bezeichnet – das ganze Spektrum des Lebens findet sich dort.

Ein Bekannter hat etwas ganz übles in seiner Wohnung. Mich hat er noch nie über seine Schwelle gelassen – er ahnt wohl, ich könnte mir eine Bemerkung nicht verkneifen. Er scheint mich durchschaut zu haben. Nun. Eine gemeinsame Freundin berichtete mir von seinem Wohnzimmertisch, der wohl – so die Freundin – eine ausgesuchte Grausamkeit sein muss. Der Tisch hat keine Beine: eine steinerne Hand trägt in der Handinnenfläche eine Glasplatte – da musste ich doch tatsächlich erst einmal schwer schlucken.

Ich finde Glasmöbel gewöhnungsbedürftig. Die sind so kalt, schwer zu reinigen und erinnern mich immer an „American Psycho“. Aber noch viel schlimmer ist ja der Gedanke an die Hand. In meinem Kopf drehe und wende ich mich dann gleich in Richtung Beutel für die Kollekte. Kann mir jemand erklären, warum man solch ein Möbelstück hat? Dazu passen doch nur noch Ledersofas aus den 80er Jahren.

Der Gipfel der Scheußlichkeit ist allerdings eine Farbe. Terracotta. Ich mag schon nichts anfassen, was aus Terracotta ist (dieses Raue sorgt für echte Magenprobleme und ist zu vergleichen mit Fingernägeln, die über die Tafel kratzen – endlos). Aber als Farbe an der Wand – vielleicht noch in Wischtechnik. Da muss ich noch einmal schwer schlucken. Im Norden Europas wirkt Terracotta nicht mediterran – es wirkt einfach nicht gut. Es wirkt bemüht, beinahe hoffnungslos, wenn sich im Fenster der graue Nebel der norddeutschen Tiefebene abzeichnet. Dazu noch eines dieser schlecht geklebten Wandtattoos – und: puh!

Erschreckend ist auch, dass einige Männer mit Ende 20/Anfang 30 ihre Alkoholiker-Sammlung aus der Studentenzeit immer noch im Bücherregal (in dem keine Bücher stehen) „drapiert“ haben. Der letzte Schluck Sambucca, die eigentlich schon leere Flasche Absynth wird aufbewahrt, staubt vor sich hin und soll einen Hauch von Lebemann versprühen. Dabei können die Flaschen keinen Hauch mehr versprühen – sie kleben, Zucker, Bierreste und Dreck haben einen Mantel aus Ekel über die Flasche gelegt. Die letzte Party hat ihre Spuren hinterlassen – und die ist schon lange her. Vielleicht war die Feier nach den beendeten Grundstudium oder der 22. Geburtstag. Man weiß es nicht genau. Das Verfallsdatum auf der Tüte mit dem Rohrzucker (neben dem klebrigen Pitu) ist jedenfalls nicht mehr lesbar.

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2 Kommentare zu “Die Wohnungseinrichtung – ein Spiegel

  1. Schön geschrieben!

    Ich hatte mal einen Glastisch im Wohnzimmer aber ich will nie wieder einen haben. Diese ständige Putzerei und ausserdem ist man ständig davor gelaufen und hatte dauernd blaue Flecken an den Knien. Furchtbar! Meiner hatte aber wenigstens ein normales silbernes Metallgestell als Beine.

    Dieser Hand-Tisch macht mir Angst. Sowas sollte verboten sein. 😉

  2. Mir ist ein gläserner Handttisch lieber, als eine ikeauniformierte Katalogswohnung. Mit manchen Scheußlichkeiten verbindet man tolle Geschichten und wenn man sie nicht hätte, könnte man keine Pläne schmieden, wie die Wohnung, wenn man irgendwann mal ausreichend Geld haben sollte, aussehen könnte. Ich liebe mein vermilbtes grünes Cordsofa, auch wenn ich seine Hässlichkeit ganzjährig mit weißem Überwurf kaschiere.

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