Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die großen zwei Jahre

4 Kommentare

Und dann war es gestern einfach vorbei. Ganz plötzlich ging die Tür hinter mir zu, ich hatte den Korb mit den Resten des Abschiedskuchen in der Hand, meine Kamera umgehängt, den Block in der Tasche, der wohlbekannte Geruch von Ziegenscheisse (wabbert ständig ums Verlagshaus) stieg in meine Nase. Meine Zeit als Volonteuse war vorbei.

Dabei schien es beinahe so, als wäre ich gerade erst mit meinem Volontariat angefangen. Ich konnte mich noch so gut daran erinnern, wie ich mit dem Bus von Ihrhove nach Logabirum gefahren war (noch kein Auto), wie aufgeregt ich war, als ich das erste Mal den Dienstwagen benutzen durfte und auf meinen ersten Termin fuhr. Nervös, den Kopf voller Fragen und keine Antworten darauf. Beim Kinderschutzbund durfte ich ein Foto machen und 50 Zeilen darüber schreiben, dass eine Frau einen Kickertisch gewonnen hatte – und ihn dem Kinderschutzbund spendete. Ein wenig schade finde ich, dass ich den Artikel nicht mehr habe. Mich würde interessieren, wie ich damals geschrieben habe – ich habe das Gefühl, dass mein Stil sich gar nicht verändert hat.

Wie erst einige Tage kommt mir auch meine Serie her. „Gegen den Schweinehund“. Auf die Kolumen über meinen Bruder werde ich noch heute angesprochen, (siehe hier MeinkleinerBruder ) noch immer sehen die Menschen in meinen Einkaufskorb und diskutieren mit mir meine Kleidergröße. Am ersten Tag meiner Abnehm-Serie ging ich erst einmal mit A. essen – Hackfleischbraten mit Schafskäse gefüllt – so sollte eine Diät anfangen. Wie ich mich zum Affen gemacht habe, im Fitness-Studio das furchtbare Zirkeltraining absolvierte (und danach dachte, ich müsste mich geschmeidig übergeben) und ich mich einige Monate später in Düsseldorf ganz dem Karneval hingab (Was ist dran am Strumpfhosenmann) und das Pottleben mit meinen Freunden geniessen konnte. Ja, das war wunderbar. (Und auch nicht zu unterschlagen, der eine Monat in Hamburg. Nur Volontäre, die schreiben völlig neu lernten – und als grandiose Vierer-WG (wohnend in der Wohnung einer Puffmutter, die übergangsweise in ihren Schrebergarten gezogen war) den Grindelhof unsicher machten.)

Vor meiner Karriere als Volonteuse hielt ich mich übrigens für einen ganz schön feigen Menschen. Aber irgendwie bin ich dann über mich selber hinausgewachsen. Die 352 Meter hohen Sendemasten (Marinesender), die E-140 am Rysumer Nacken (Rysumer Nacken) oder ganz tief hinab in die Kanalisation (Kanalisation) – „Ulle in Gefahr“ wurde völlig neu definiert (vor allem, als ich vor kurzem doch vom Boot fiel und mit einer Platzwunde im Krankenhaus landete). Hach, was war das alles schön. Wie viel Angst ich vor den ersten Terminen hatte. Wichtige Menschen ansprechen, einfach so? Dabei wurde mein Magen zum Klumpen. Spätestens nach D! Soost hatte ich keine Angst mehr. Wozu auch? Sind ja nur Menschen!

Dabei gab es natürlich auch nicht so schöne Dinge. Unfälle mit Toten, der Gedanke an einen Emskanal, Ratssitzungen bei denen man kein Wort verstand (zu Beginn, nun geht es), Menschen die wütend anriefen, weil sie sich im schlechten Licht dargestellt fühlten (nun, eigentlich gehört es zu den schönen Dingen – dann weiß man doch, dass man die Menschen berührt).

Und nun geht es irgendwann irgendwie weiter. Am liebsten natürlich weiter im Lokaljournalismus. Schliesslich vertrete ich die Ansicht, dass jeder Mensch eine Geschichte hat, die es sich zu erzählen lohnt (außer vielleicht Lothar Matthäus – der muss andere Qualitäten haben). Und am liebsten würde ich von allen Menschen auf der Welt die Geschichten erzählen. Warum sie Entscheidungen getroffen haben, was ihnen wichtig ist, was sie fühlen, wenn sie aufs Meer blicken, ihr Leben für andere riskieren, wen sie warum lieben und was sie warum hassen, was der Duft von Lebkuchen mit ihnen macht und was sie denken, wenn sie an der Bushaltestelle wartend in die Pfütze starren. Hach, mehr als 6,6 Milliarden Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden! Minus eine natürlich, meine Geschichten sind genug erzählt. Oder auch nicht, wir warten es ab.

Zum Schluss durfte ich noch die Geschichte eines beeindruckenden Ostfriesen erzählen Vom ostfriesischen „mooi“ zum… und immerhin noch ein Kindheitstrauma verarbeiten. Zur Freude aller. Außer zu meiner eigenen: Der Schwebebalken – Horror in 1,25 Meter Höhe.

Advertisements

4 Kommentare zu “Die großen zwei Jahre

  1. Ach Gott, Ulrike. Ja, an unseren Monat in Hamburg werde ich auch immer gerne zurück denken. Und obwohl mein letzter Tag als Volonteuse erst in knapp zwei Monaten ist, habe ich (dank dir!!) bereits jetzt einen dicken Kloß im Hals.

    Claudia

  2. sag mal…hast du es wirklich deine gesamte schulzeit über geschafft, dich vorm schwebebalken zu drücken?! fettes respect! natürlich auch für den nun bewiesenen todesmut!

    • ich kann mich nicht daran erinnern, auf dieses höllenteil geklettert zu sein. ich war sehr gut im entschuldigungen-erfinden, um an dieser quälerei (der schulsport an sich) nicht teilzunehmen….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s