Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Last der Mütter

Ein Kommentar

Meine Mutter hat es nicht leicht. Mein Bruder wohnt als parasitärer Single immer noch bei ihr, blockiert zwei Zimmer und mäht den Rasen nicht – und ich, ich wohne nur 500 Meter entfernt, schnorre mir immer wieder mal etwas nahrhaftes und biete viel Raum für unangenehme Fragen. Unangenehne Fragen, die ihr über mich gestellt werden.

Vor kurzem beispielsweise: Da kam wohl – meine Mutter berichtete mir mit einer Mischung aus Glucksen und nachdenklich-traurigem Blick – eine Arbeitskollegin zu ihr: „Warum hat Deine Tochter eigentlich keinen Freund? Immerhin wird sie bald 30 Jahre..“ Meine Mutter dachte kurz nach, dann: „Sie ist eben schwierig…“ Wahrscheinlich wollte die Kollegin gerne etwas über meine sexuelle Gesinnung wissen (dass ich auf Männer stehe, scheint angesichts der Tatsache, dass ich Single bin, in einem Dorf wohne und knallhart auf die 30 zugehe, scheinbar sehr unwahrscheinlich. Ist aber so), meine Mutter ging dieser Diskussion aber aus dem Weg.

Wobei: Ich bin nicht schwierig. Und ein wenig getroffen hat es mich schon, dass meine Mutter mich für „schwierig“ hält. Ich möchte eben kein Eigenheim mit einem Mann, der mich nach drei Wochen schon langweilt. Ich möchte auch nicht den Sonnabend damit verbringen, Unkraut aus den Fugen meiner schmucken Auffahrt zu kratzen, um anschliessend mit meinem Holden bei Tee und Kuchen schweigend vor dem riesigen Flachbildschirm zu sitzen. Hier auf dem Land ist es „schwierig“, wenn man sich sein Leben an sich spannender vorstellt. Aber das ist nicht mein Problem, das ist das Problem der anderen. Eigentlich. Und ein wenig ist es auch das Problem meiner Mutter, denn sie muss nicht nur obige Fragen beantworten, sie wehrt auch Avancen von Männern ab, die mich eigentlich noch nie gesehen haben (oder die vergangenen 20 Jahre nicht), mich aber als ihre letzte Chance sehen. Ich bin der Rest im Dorf. Wäre ich ein Metal, würden die Männer mit so kleinen Gold-Schürf-Sieben vor meiner Wohnungstür stehen – nur um danach zu merken, dass ich eigentlich Blech bin. Maximal.

Diese Männer möchten dann natürlich wissen, was ich denn so tue, mache und sowieso. Manchmal schicken diese Männer aber auch ihre Mütter zu mir. An der Fleischtheke müssen sie dann ihre Single-Söhne anpreisen wie das schon braun gewordene Hackfleisch hinter der Glasscheibe. „Der Junge baut ja auch bald ein Haus“, sagte beispielsweise die eine: „Aber er ist ja so alleine“, sagte sie weiter und sah mich an. Und in ihrem Blick bemerkte ich: Verzweiflung. Denn ihr Sohn, den fand ich in der Grundschule schon doof. Nicht nur nicht gut aussehend, auch tölpelhaft und dümmlich. Und laut meiner Mutter ist der angepriesene Sohnemann immer noch wie mit acht Jahren. Und ich glaube: Auch alle anderen Frauen wissen, dass er ein Idiot ist. Deshalb läuft die Zeit davon, er ist definitiv übriggeblieben. Und sein Haus baut er nun eben für sich alleine. Und kratzt alleine Sonnabends das Unkraut aus den Fugen.

Wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht sitzt er gerade mit seiner Mutter in seinem eigenen Haus und denkt, dass ich für mein „übrig geblieben“ ganz schön wählerisch sei. Gut, dass ich nicht übrig geblieben bin. Aber das müssen die ja nicht wissen.

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Ein Kommentar zu “Die Last der Mütter

  1. Keiner muss als Dorfinzuchtler enden, aber ebenso wenig wird er / sie es so bekommen, wie gewünscht. Wer kennt sie nicht: Die Klassenbesten, von der Tagesklinik (wo man ihnen endlich mal zuhört) schnurstracks an die Uni oder wahlweise hinter den Schalter in der Sparkasse; 100 Meter von der Schule entfernt. Und die ganzen Verrückten, die Klassenclowns? Nun, die machen nicht ganz so verrückte Dinge. Ernten nicht die große Kohle, bauen keine bad credit Häuser, kratzen aber schon mal Unrat aus der Auffahrt. Sie sind nicht pausenlos glücklich, das ist eine Neurosenstimulanz aus der Industrie – aber die Clowns von damals kommen heim und wissen: Sie werden gebraucht. Und das Dorf, das ist dann 40 Lichtjahre entfernt.

    Mikkai

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