Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vom kleeen und picken

4 Kommentare

Mein Deutsch ist ein Gemisch. Es besteht aus Wörtern, die sich durchaus im Duden befinden, und Wörtern, die aus dem Plattdeutschen stammen – und nie im Duden erscheinen werden, nicht einmal im Slang-Ding. Letztere Gruppe ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie oftmals – und fälschlicherweise – oft mit den zu ur-deutschen Begriffen zähle und verwende – ohne Rücksicht. Meist bemerke ich meinen Fehler nicht einmal. Die erstaunten Gesichter der Nicht-Ostfriesen übersehe ich.

Ganz normale Begriffe für mich sind „kleeen“ und „picken“. Ersteres bedeutet „kleckern“, letzteres „kleben“. Wenn ich nämlich gekleeet habe, dann pickt es. Ganz einfach.

Ich finde es wundervoll, noch eine zweite Sprache zur Verfügung zu haben. Ich könnte lange soziologische Abhandlungen über die Bedeutung von Sprache halten (habe ich sogar schon im Studium) – aber das ist ja langweilig. Eigentlich ist es sinnvoll, mindestens zwei Sprachen perfekt zu beherrschen. Schließlich gibt es immer wieder Wörter, deren Entsprechung es in anderen Sprachen gar nicht gibt. Und eins nehme ich vorweg: Wer ostfriesisches Plattdeutsch spricht, der spricht „trockenen Humor“ und „Ironie“ – fliessend. Ich bin recht sicher, nirgendwo gibt es mehr Wörter, die vor Ironie nur so triefen und dem Gegenüber sagen „Ich nehme Dich gerade mal so gar nicht ernst.“ Dabei ist das nicht unfreundlich gemeint. Es ist vielleicht eine ostfriesische Eigenart: Alles nicht so ernst nehmen, schliesslich kann immer alles schlimmer kommen. Und ganz sicher kommt es auch noch schlimmer.

Skepsel“ ist so ein Beispiel („Schkebsel“ gesprochen). Wenn sich jemand verletzt hat und endlos jammert und selbstmitleidig wird, sagt man „Skepsel“. Es bedeutet zum einen „armes Kerlchen“ hat aber den leicht ironischen Unterton „Stell Dich mal nicht so an, du hättest auch einen Arm verlieren können.“. Ähnlich verhält es sich mit „Bleudi“ (wobei das „eu“ typischerweise wie ein „ieuo“ ausgeprochen wird). Auch hier hält sich das Mitleid in Grenzen.

Das soll aber nicht bedeuten, dass das Plattdeutsche (ich spreche hier natürlich nur für das ostfriesische) keine liebevolle Sprache ist. Ganz im Gegenteil. Zwar gibt es nicht das typische „Ich liebe Dich“, sondern nur das auch unter Freunden gebräuchliche „Ik heb di leev“ (Ich habe Dich lieb), aber Zuneigungsbekundungen gehen eben auch anders. Wie im niederländischen gibt es die Verniedlichungsformen mit „tje“. Das muss reichen.

Doch insgesamt ist das Plattdeutsche eher puristisch. Es gibt nicht zehntausende Kosenamen – vielleicht liegt das aber auch an der Geschichte. Wer immer nur das Land dem Meer abtrotzen muss, der hat keine Zeit für „Schahatz, kannst Du mal die Kuh melken?“, der hat andere Probleme. Nasse Füsse beispielsweise. Eine Qual.

Dafür gibt es Worte, die das Abenteuer der Kindheit und die Behaglichkeit eines warmen Zimmers genau treffen. Klingt „Pochstirtje“ nicht schon nach Füßen in viel zu großen Gummistiefeln, die mitten im „Schloot“ (platt für „Graben“) stehen und nach den kleinen „Pochstirtje“ suchen? Kleine Kaulquappen sind damit gemeint. „Pochstirtje“ besteht aus „Poch“ (Frosch) und „Stirtje“ (Schwänzchen). Froschschwänzchen also. Niedlich, oder? Und klingt „Telaulau“ nicht nach Gemütlichkeit und lecker süß? Wobei ich zugeben muss: Der Begriff „Telaulau“ – also Kakao – scheint direkt aus dem Heimatdorf meiner Oma zu kommen – und es über die Grenzen dieses kleinen 30 Einwohner-Kaffs direkt an der Ems nicht hinausgeschafft haben. Deshalb nun merken: „Telaulau“ ist das schönste Wort für Kakao und bringt (mich) so schon zum Lächeln. Hach…

Ich könnte übrigens an dieser Stelle nochmals das Problem der Ostfriesen mit dem „glottal stop“ beschreiben. Aber das wurde vergangenes Wochenende in der Realität ausgiebig besprochen. Sehr ausgiebig. Und beim Schreiben hört ja auch niemand mein „ha-en“.

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4 Kommentare zu “Vom kleeen und picken

  1. Ah du sprichst mir aus der Seele. Kleen und picken geht bei mir genauso wenig raus wie Ointjeflott. Und meine nicht in Ostfriesland sozialisierte Umgebung fragt zumindest schon nicht mehr nach wovon ich rede. Vielleicht tun sie das auch nur nicht, weil ich dann 258 andere lustige Wörter vorstelle… wer weiß.

    Darf ich deinen Blog (und diesen Beitrag) in meinem Blog verlinken?

    Liebe Grüße,
    Svenja

  2. Emder sagen auch Pühli und nicht Pülli…die sind merkwürdig!

    Ich würde deinen Text gerne meinem Niederdeutsch-Dozenten zeigen. Er hat bestimmt Freude daran. Darf ich? Bitte bitte?

  3. Dein Glo-al Stop ist kein Problem, sondern ganz wundervoll!

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