Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Fundamental

4 Kommentare

Ich habe eine fundamentale Erkenntnis gehabt. Mir ist niemand erschienen, der mir sagte, dass ich wichtige Dinge auf Steintafeln schreiben soll. Auch möchte ich mein Leben nicht als Einsiedler in einem skelettierten Pottwal verbringen, nur mit FlipFlops um die Welt wandern oder als Frutarierin in einem entlegenen Winkel der Welt leben. Ich habe aber erkannt, dass es eine Sache gibt, für die die Bezeichung „scheisse“ noch nett ist.

Denn – wie im Web schon bekannt – ich bin gestern während der Arbeit vom Boot gefallen. Eigentlich bin ich von einer Leiter gefallen, über die ich in das Schiff klettern wollte. Nur war mir eine Welle im Weg, die das Boot ins wanken brachte und mich ins Wasser katapultierte. Nicht ohne mich vorher noch einmal mit dem Kinn und den Armen gegen das Boot knallen zu lassen. Platzwunde am Kinn, geprellter Kiefer und blauschwarze Flecken am Körper sind die Folge. Ich sehe aus, als hätte ich mich geprügelt – und schmachvoll verloren.

All das war mit Humor zu betrachten. Schließlich habe ich sicherlich lächerlich ausgesehen, wie ich pitschnaß im Wasser lag, die Kollegen von RTL und SAT1 ihre Kameras beiseite warfen, um mir zu helfen (und nicht schamlos draufhielten um mich danach in einer ihrer Sendungen zum Gespött der Leute zu machen) und das Blut aus der Wunde am Kinn action-lastig herausspritzte. Ich war Rambo – oder zumindest wie Keanu Reeves in „Gefährliche Brandung.“

Doch als ich drei Stunden später in der Notaufnahme des heimischen Krankenhauses saß, ein Taschentuch gegen das immer noch blutende Kinn gepresst – da war mir nicht mehr zum Lachen zumute. So gar nicht. Denn alleine in der Ambulanz zu sitzen, mit Schmerzen am ganzen Körper, unglaublichem Hunger und Durst und immer noch nassen, nach Muscheln und Seewasser stinkenden Klamotten: da war das Wort „scheisse“ zu nett. Untertrieben. Ein Kompliment für diesen Abend.

Niemand sollte alleine in der Notaufnahme sitzen. Die vom Krankenhaus sollten in solchen Fällen jemanden stellt und mit einem spricht. Mit dem blutenden Etwas neben sich vielleicht „Das goldene Blatt“ liest und sich über das neue Outfit von Veronica Ferres lustig macht. Oder über das Wetter redet – oder einfach nur da ist. Das wäre Service. Eine Notfallbegleitung. Damit niemand anfangen muss, vor alleine-sein und Schmerzen zu weinen.

Natürlich hätte ich jemanden anrufen können, mein Holtroper Kollege hat sich sogar als Begleitung angeboten. Aber möchte man jemandem den Freitagabend versauen? Ihn in ein Krankenhaus zerren? Wer geht schon gerne in ein Krankenhaus?

Wer gesund ist und in ein Krankenhaus geht, der kommt krank wieder raus. Da bin ich mir sicher. Denn ich ging nicht nur mit den oben genannten diagnostzierten Verletzungen – ich ging auch mit einer neuen Tetanusimpfung und dem Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein. „Wie? Sie wissen nicht, wann Sie das letzte Mal geimpft wurden?“, fragte mich der indischstämmige Arzt mit schwerem Akzent. Ich blickte zu Boden, ein Tropfen Blut fiel auf mein (weißes!!!!!!) T-Shirt. Ich denke – sagte es ihm aber nicht – die letzte Tetanusimpfung war in der Grundschule. Könnte gut 20 Jahre her sein.

Und nun, da sitzend in der Ambulanz, da war großes Elend bei mir angesagt. Neben mir zwei Pärchen. Jeweils die Männer waren verletzt und erinnerten mich ein wenig an eine Folge von „King of Queens“. Inhalt kurz zusammengefasst: Doug verletzt sich ständig selbst, damit Carrie endlich die Klappe hält.

Der eine hatte eine Bänderdehnung. „Gerissen ist nicht, fühlt sich anders an.“ Trotzdem jammerte er rum, als wäre etwas sehr sehr schlimmes. Ich schwieg und dachte an meinen Fuß in der formschönen Aircast-Schiene. Ich war noch zwei Wochen mit der Bänderdehnung rumgelaufen. Ich bin eine Kampfsau. Neben ihm saß seine Freundin. „Merken die denn nicht, dass Du sofort drankommen musst“, jaulte sie. Blut lief meinen Hals herunter und sickerte ins T-Shirt. Der Freund sah mich an, sah den anderen Wartenden an und schwieg. Ihm war sehr wohl klar, dass er wohl am längsten warten musste. Blut (ich) und Verbrennung (der Mann neben mir) kommen vor keinBlut/keineGehirnmasse/keineVerbrennung.

Und er musste lange warten. Als ich schon geklebt und getapt und gespritzt aus der Ambulanz lief, saß er immer noch da. Seine Freundin neben ihm. Wütend blickte sie mich an. Ich wollte grinsen. Es ging nur nicht. Prellungen im Kiefer sind unhumorig. Lachen, lächeln und grinsen veruracht Schmerzen, gegen die Ibuprofen nichts ausrichten kann. Auch eine fundamentale Erkenntnis.

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4 Kommentare zu “Fundamental

  1. Meine Impfungen dürften ähnlich lange her sein…

    Gute Besserung!

  2. Du hättest jemanden anrufen sollen. Ich bin sicher, dass dich gute Freunde nicht alleine in der Ambulanz sitzen lassen würden, oder dich zumindest abgeholt und dir ein Trostpflaster mitgebracht hätten. Du hättest dir doch bestimmt auch den Abend von so einem Vorfall „versauen“ lassen. Vielleicht muss man in solchen Fällen ein wenig egoistisch sein und sich dafür hinterher bedanken oder revanchieren. Ich hoffe, du wirst jetzt gepflegt und angemessen bedauert.

  3. Erst mal GUTE BESSERUNG!!!

    Ich habe meine Impfungen zuletzt noch kontrollieren lassen. Ich hatte auch gedacht, dass ich alles nochmal auffrischen lassen müsste, aber anscheinend waren alle noch okay. Die 10 Jahre, die so eine Impfung hält gehen wohl doch nicht so schnell vorbei.

  4. 1. weiß ich auch nicht, wann ich das letzte Mal geimpft wurde

    und

    2. wäre ich unfassbar sauer auf dich, wenn ich in deiner Nähe gewesen wäre und du mich nicht angerufen hättest! Ich hoffe, so einen Unsinn machst du nie wieder! Alleine in die Notaufnahme… 😦

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