Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Spanner

Ein Kommentar

Einigen Menschen scheint es ja schlecht zu gehen. Fern von kriegsähnlichen Zuständen und bitterer Armut fehlt ihnen vor allem eines: Spannung. Deswegen stellen sie sich an Fenster und spannen. Denn „spannend“ kommt von „spannen“ und nicht von irgendetwas anderem. Das sollte man wissen.

So ist eben auch bei dem jungen Mann über mir, der nicht nur ein ausgewachsenes Alkoholproblem hat (und zudem eine merkwürdige Befriedigung daraus zieht, überall Deutschland-Fahnen anzubringen), sondern auch auf der Suche nach Spannung ist. Dabei sehe ich es nicht unbedingt als Kompliment, dass er mich dazu auserkoren hat, ihn aus der Spannungslosigkeit herauszuholen.

Wenn ich also im Garten stehe und entscheide, welches Unkraut weiter leben darf und welches nun von mir eigenhändig gerupft wird, dann steht er oben lässig an seinem Küchenfenster und sieht auf mich herab. Wahrscheinlich sieht er gleichzeitig zu mir herab und zu mir hinauf – aber das ist eine andere Geschichte. Zwanzig Minuten lang tat er das. Was tut man in solch einer Situation? Ein Matrosengruß zum Fenster hinauf und ein schmetterndes „Ahoi Ar****ch“ dazu? So tun, als sei er nicht da?

Ich entschied mich, möglichst schnell den Vernichtungskrieg gegen das Unkraut zu beenden, erbarmungslos alles zu rupfen und dabei galant darauf zu achten, dass meine Hose nicht zu tief rutscht. Es war schwierig.

Doch nicht nur von seiner Küchenfenster-Front droht das spannende Unheil. Auch von der zweiten Seite – seinem Balkon – droht die permanente Überwachung. Denn der Balkon geht zum Parkplatz raus. Und dort steht er lang und gerne, leicht im Schatten, so dass man ihn erst im letzten Augenblick sieht. Doch dann gibt er sich zu erkennen, schreit ein dumpfes „Hallo“ und grinst hinunter. (Blöd übrigens, dass mir beim Anblick seines schwarz-rot-gold-geschmückten Autos ein lautes „Ach du Sch***e“ entfuhr und er sich darauf aus seinem Versteck hinausschlich um mich zu erschrecken und tadelnd anzusehen). Und er grinst nicht nur hinunter. Man merkt, wie er einen mit Blicken verfolgt. Es ist ziemlich widerlich.

Aber nicht nur ich habe mit Spannern zu kämpfen. Auch meine Eltern haben interne Mitarbeiter einer geheimen Staatsorganisation bei sich wohnen. Nun gut, die Organisation gibt es nicht mehr, der Staat hat sich auch in Wohlgefallen aufgelöst und eigentlich wohnen diese zwei merkwürdigen Menschen in einer Mietwohnung auf dem Grundstück meiner Eltern. Es ist kompliziert. Doch auch das Leben der ehemaligen Mitarbeiter einer Staatsorganisation ist spannungslos. So spannungslos, dass sie es nicht beim sehenden Spannen belassen, sondern auch den Müll durchwühlen. Mit ihrem dicken Agentenhintern hingen sie schon in der großen Mülltonne – um zu sehen, was meine Eltern so essen. Wir haben es fotografiert. Auch wir sind gut ausgerüstet.

Mein Nachbar kann sich bei den Überwachungstechniken der Nachbarn meiner Eltern allerdings noch viel abschauen. So schaffen sie es, Blumen zu gießen und dabei nicht auf die Blumen zu schauen, sondern in das Küchenfenster, wo mein Bruder und ich gemeinsam frühstücken. Aufgeflogen ist ihre Tarnung nur, weil sie den Blumengießtrick auch bei Regen anwandten. Den Staat gab es eben nicht lange genug, um die Tücken dieser Überwachungstechnik auch noch zu kommunizieren. Ist eben nicht alles so einfach im Leben der Spannungs-Agenten.

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Ein Kommentar zu “Der Spanner

  1. Meine Schwester wird von einer älteren Dame aus dem Nachbarhaus per Fernglas überwacht. Der Hausverwalter hat auch schon herausgefunden, dass in der WG „auch schon Männer“ gewohnt haben und eine Wäschleine über den Balkon gespannt wird auf der manchmal „wie bei den Vagabunden“ Bettwäsche getrocknet wird. Eigentlich kann man diese Menschen nur bedauern, deren eigenes Leben scheinbar so ereignislos verläuft, dass sie das Leben der anderen beobachten müssen, um sich lang und breit darüber auszulassen und ggf. moralisch zu erheben.
    Deinen Blog lese ich übrigens auch, um zu überwachen was du gerade so tust 😉 Big Brother is watching you.

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