Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Entschleunigung

Ein Kommentar

Seit nun zwei Wochen bin ich mitten in Ostfriesland ohne Auto. Und der Hoffnung, dass es doch nicht so teuer werden würde, wich die Wut auf die unberechenbare Elektronik eines kleinen Wagen, wich letztendlich so etwas wie -Gelassenheit. Was soll ich auch tun? Seit zwei Tagen sitze ich fatalistisch ergeben hier fest, meine freien Tage habe ich damit verbracht, jeden einzelnen Stein meines Kronleuchters per Hand zu reinigen und zu polieren, meine Socken zu sortieren und gegebenenfalls zu entsorgen. Sonst nutzte ich meine Wochenend-Dienst-Ausgleichstage dazu, nach Holland zu fahren und für Familie und Bekannte Chips, Kaffee und Energy-Drink zu kaufen. Nun checke ich meinen Wirtschaftsraum und denke über Hamsterkäufe nach.

Und während ich herumtigere, poliere, aussortiere und Listen für Hamsterkäufe erstelle, mache ich mir so Gedanken. Was nicht gut ist. Weil Gedanken hin und herschieben unweigerlich damit endet, dass ich in meinem Lesesessel sitze, aus dem Fenster in den Garten starre und trübsinnig werde. Das klingt sehr intellektuell, ich weiß. Ist es aber nicht. Denn während andere Gedanken hin und her schieben und dabei die Rettung der Welt im Blick haben, denke ich nur an eine Rettung: meine.

Wenn man nämlich plötzlich so entschleunigt wurde, merkt man irgendwann, dass das eigentlich ganz nett ist. Termindruck und Freizeitstress gibt es nicht – ich komme ja nirgendwo hin. Und plötzlich fallen einem noch viel mehr Sachen ein, die einen nur be-schleunigen und dafür sorgen, dass man am Abend im Bett liegt und darüber nachdenkt, was man alles nicht geschafft hat, was man hätte machen müssen. Dann kommt das schlechte Gewissen, weil man nicht getwittert hat, vergessen hat, die Fische bei Facebook zu füttern und auch noch nicht nachgesehen hat, ob irgendjemand bei Meinvz mein Freund werden möchte oder mir eine charmante Nachricht geschrieben hat. Der letzte Blick geht auf das Handy, ob man nicht noch eine SMS bekommen oder einen Anruf beim Zähneputzen verpasst hat. So viel Kommunikation, auf so vielen Wegen.

(Also bin ich nun dabei zu überlegen, mein Web-2.0.-Engagement zu minimieren. Aus ganz anderen Gründen als die meisten anderen. Denn Datenschutz hat in meinem Gedanken-hin-und-her-schieben noch gar keine Rolle gespielt. Morgen muss ich auch wieder arbeiten – bis zu dem Punkt werde ich grübeltechnisch wohl nicht kommen.)

Eigentlich ist es unglaublich, was man sich für einen Tag alles vornimmt. Man geht arbeiten (und die wenigsten von uns haben einen Acht-Stunden-Tag), einkaufen, die Wohnung sollte besuchsfertig aussehen. Dann möchte man noch gerne Sport treiben oder zumindest etwas Zeit haben, um sich zu bewegen. Und das Sozialleben sollte auch nicht zu kurz kommen. Und irgendwie wären acht Stunden Schlaf pro Nacht auch eine feine Sache.

Aber erst einmal muss ich mein Auto wiederbekommen. Jawohl.

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Ein Kommentar zu “Die Entschleunigung

  1. Machst du die Hamsterkäufe dann mit dem Bollerwagen oder leihst du dir n Einkaufswagen aus und schiebst damit eine einsame Landstraße entlang? 😉

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