Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Von den Verrückten

4 Kommentare

Wer sich ein wenig in Profilen auf Blogs, Internetplattformen und so weiter umsieht, der entdeckt rund 95 Prozent Verrückte. Nicht so verrückt, sondern so verrückt. Da steht dann: „Ich bin: lustig, unternehmungslustig, verrückt.“

Ich bin ja ohnehin kein Fan von Selbstbeschreibungen. Ich könnte mich zum Beispiel nie charakterlich beschreiben. Denn für jede Behauptung fällt mir, wie ich sie widerlegen könnte.

Aber zurück zu den Verrückten. Ich versuche immer, mir vorzustellen, wie diese Menschen sind. Ich habe mal eine Umfrage gelesen: „Was tun Sie, wenn Sie einmal richtig einen drauf machen möchten?“ – „Ich lade meine Freunde ein und wir kochen.“ Genau. Voll crazy, ey. Was sagt das über einen Menschen aus, wenn er sich selber als verrückt bezeichnet? „Verrückt“ – „verrückt“ klingt irgendwie merkwürdig. Eigentlich kann ich selber nicht genau erklären, was daran so komisch ist.

Wie stelle ich mir jemanden vor, der „verrückt“ ist? Wie stelle ich mir diese Leute vor, die sich selber als „verrückt“ bezeichnen?

Ich vermute, „verrückt“ hat viel mit Eigenwerbung zu tun. „Hej“, soll es sagen: „Mit mir hat man Spaß.“ Wer dieser Art der Eigenwerbung bedarf, ist wahrscheinlich einsam. Vielleicht ist verrückt auch eine Art Entschuldigung, wenn auf einem gemeinsamen Weggeh-Abend plötzlich das Poesie-Album rausgeholt wird.

Ich bin sicher, dass ich nie einen Mann daten möchte, der mir sagt: „Hej, mit mir is voll verrückt.“ (Anders wäre das allerdings mit „Ich bin etwas durch“. Das ist irgendwie sympathisch-süß). Verrückt ist einfach abgedroschen und sagt eigentlich nix – mir zumindest nicht. Außer: Mit mir ist so lustig, wie ein Weißbrot zu essen.

Lyrischer ist ohnehin: Entrückt. Das ist wahrscheinlich sogar die einzige Beschreibung, die ich für mich selber ein wenig verwenden würde. Schließlich bin ich körperlich zwar hier, im Kopf aber entweder auf der Hallig, auf den Äußeren Hebriden, in Schottland in einem Pub mit Blick auf Loch Morar oder neuerdings auf Hawaii am Strand oder oben auf einem Vulkan; ich gehe mit Freunden durch die Straßen, singe Lieder, trinke Bier und umarme die Nacht so pathetisch ich nur kann. Das ist entrückt.

Aber vielleicht verhält sich „verrückt“ zu „entrückt“, wie „einfach Panne“ zu „tollkühn“. „Tollkühn“ gibt einer Aktion, die eigentlich „einfach Panne“ ist einen romantischen Anstrich. Sie hebt sie zu einer kleinen, romantischen Heldentat empor. „Einfach Panne“ ist ein Volldepp im tiefergelegten Golf, mit Bassrolle, der bei Regen und Schnee mit 70 km/h zu seiner Holden fährt und Rücksicht auf niemanden nimmt. „Tollkühn“ wird das im alten Polo, „Leaving Songs“ von Kristofer Aström im alten Kassettenrekorder, mit 20 km/h durch die Schneewehen. Und kaputter Heizung. Ja.

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4 Kommentare zu “Von den Verrückten

  1. Verrückt = Ich wär gern abenteuerlich, bins aber nicht 😉

    Wer wirklich verrückt im lyrischen Sinne ist: extrem romantisch, extrem introvertiert oder einfach sehr, sehr exzentrisch, beschreibt dies nicht im Profil sondern durch seine Art. So finde ich die Menschen, die sich als Ärzte ohne Grenzen in Kriegs- und Seuchengebiete trauen, schon etwas verrückt (ich beneide sie, aber so etwas würde einfach meinem Selbsterhaltungstrieb widersprechen), dann gibt es noch die Art Menschen, die mit einem Fallschirm von einem Wolkenkratzer springen und unten gleich verhaftet werden, es gibt 14jährige Mädchen, die allein um die Welt segeln wollen… Wahrscheinlich würd keiner von denen „verrückt“ ins Profil schreiben, maximal „abenteuerlustig, aber auch sehr häuslich“.

    Videotip: Knorkator – „Böse“ – Geht zwar um eine andere Beschreibung, aber ist dennoch lustig interpretiert 🙂

  2. ‚Verrückt‘ wird vermutlich als Antonym zu ’spießig‘ benutzt. Wer möchte schon den Anschein erwecken, langweilig, unspontan und konventionell zu sein? Da jeder Mensch irgendwie eine kleine Macke – oder wie es ein alter Karnevalsschlager ausdrückt, einen kleinen Littiti – hat, kann ‚verrückt‘ auf jeden Menschen zutreffen, nur halt immer anders. Unter „entrückten“ Menschen habe ich mir eher immer Geistliche oder Dichter und Musiker der Romantik vorgestellt, die mit einem seligen Lächeln auf den Lippen völlig in ihrer eigenen Welt leben. „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“

  3. Der Großteil unserer zwischenmenschlichen Kommunikation finden im Bereich der Gestik und Mimik statt. Völlig ohne Worte. Das Lächeln im nervenden Alltag, der ermahnende, leicht gequälte Blickkontakt im Herbstregen oder das leicht verschämte Grinsen, wenn man das Ausrutschen auf dem winterlichen Schnee gerade verhindern konnte. Genau das.

    Worte sind einer der größten Störfaktoren, die es in der menschlichen Kommunikatio je gegeben hat. Ob jemand mit dem Ausdruck „verrückt“ wirklich das meint, was wir darunter verstehen, bleibt ungewiss. Und ob jemand, der sich mit dem Wort „verrückt“ charakterisiert überhaupt die Worte „entrückt“ und „tollkühn“ in seinem Sprachgebrauch hat, bleibt ebenfalls ungewiss.

    Fakt ist allerdings, dass ich dir ganz grundsätzlich recht geben muss: Die Menschen denken zu wenig über die Tragweite ihrer Worte nach. Und auch ich würde keine Frau daten wollen, die sich als „verrückt“, noch schlimmer als „crazy“, charakterisiert. Von daher: Dein Blogeintrag kann einem nur aus Seele sprechen!

  4. Sehr guter Eintrag 😀

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