Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vom Instrument des Bösen

7 Kommentare

Im Prinzip mag ich Weihnachtsmärkte. Glaube ich. Eine Entwicklung der neueren Zeit. Also ich mag das Prinzip, sich bei eisiger Kälte Feuerzangen-Bowle in den Rachen zu kippen, danach eine Bratwurst zu essen und wieder nach Hause zu gehen, wo man die heimische Stille plötzlich viel mehr zu schätzen weiß. Was ich aber nicht einmal im Prinzip mag, sind Trompeten.

Trompeten sind mit ziemlicher Sicherheit das Instrument des Teufels (also der Wettmafia). Es begab sich, als ich noch eine kleine Hosenscheißerin war und nahe Verwandtschaft sich ehelichte. Beide Mitglieder im heimischen Kirchenchor (welch eine famose Idee, dem Instrument des Teufels einen eigenen Kirchenchor zu widmen), hatten natürlich auch im Trau-Programm mehrere musikalische Zwischenspiele dieser Blechinstrumente. Und Klein-Ulle schrie und weinte und klammerte sich an ihre Mutter – so lange bis Mama-Ulle sich schämte (oder einfach Mitleid hatte) und mich aus der Kirche brachte, wo ich auch schlagartig ruhig wurde. (Auch die Ehe der zwei Blechinstrumtenspieler hielt nicht lange – als hätte ich schon damals gewusst, dass Trompeten nur Unglück bringen.)

Auch heute Nachmittag – auf dem heimischen Weihnachtsmarkt – war wieder ein Trompetenchor anwesend. Der Anstand und meine Würde verbot mir, mich weinend und schreiend auf den Boden zu werfen – schließlich bin ich nun schon 28 Jahre alt und brauche keine Windeln mehr. Trotzdem merkte ich doch recht schnell, wie sich aggressive Quengeligkeit einstellte. Erst subtil, nach dem ersten Glühwein offensichtlich. „Können wir wieder gehen?“ fragte ich nach kurzer Zeit meine Mutter (Ja, sie hat es nicht leicht mit mir). Sie versprach mir, dass sie noch einen Crepes essen würde und wir dann nach Hause gehen würden. Aber sie traf Bekannte, ich traf Bekannte, der Rest unserer Begleitung traf Bekannte und wir standen da und standen da und standen da. Die Vertreter des Teufels auf Erden spielten währenddessen weiter völlig enthusiastisch „Oh, Du Fröhliche“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und der gesunde Menschenverstand dachte, der Chor spiele ein Set und mache dann eine Pause – um Glühwein zu trinken oder sich das Lob von den Ehefrauen abzuholen, die dem Glühwein mit Schuss schon ordentlich zugesprochen hatten. Aber nix. Die bliesen, bliesen und bliesen (wie man es sonst nur aus Männerträumen entsprungenen Pornos kennt). Und ich, die auch noch Geld beim Knobeln verloren hatte und langsam richtig wütend wurde, musste zusehen, wie Muttern, Stiefvatern und Bruder mit Freundin entschlossen, NOCH einen Glühwein zu trinken. Es gab nur zwei Alternativen: Schnell abhauen und auf die Weihnachtsmarkt-Bratwurst zu verzichten oder zu explodieren (eine spontan-Explosion wäre genau richtig gewesen).

Ich wählte das unspektakulärere Ende und ging nach Hause. Nicht ohne noch laut zu sagen, dass ich die Welt hassen würde. Womit wir wieder da wären, dass es Dinge gibt, die für 28-Jährige unwürdig sind – aber nunja.

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7 Kommentare zu “Vom Instrument des Bösen

  1. Fehlt ja nur noch die eisige Kälte für den perfekten Weihnachtsmarkt

  2. Auf dem Bochumer Weihnachtsmarkt gibt es keine Trompeten! Sag‘ das deinem Chef!

  3. Was wäre die Musik ohne Trompeten? Sie bringen eine Big Band und ein Orchester doch erst richtig zum strahlen, z.B. beim Halleluja aus dem „Messiah“ von Händel. Die Beatles haben hohe Bachtrompeten eingesetzt. Schade, schade, dass du diesen Klang nicht magst (obwohl es auf Weihnachtsmärkten eher nicht ganz so schön klingt ;-)). Ich persönlich, finde ja über einen längeren Zeitraum Dudelsäcke, Spielmannszüge und vielleicht noch das Nasenflötenorchester unerträglich, sowie alle schlecht intonierte aber ernst gemeinte Musik.
    Was ist mit Posaunen und anderen Blechblasinstrumenten???

  4. Damit habe ich dich im Auto damals noch nicht beglückt 🙂

  5. Ich konnte mal Trompete spielen, denn als sozialistischer Spund war ich – marschierend natürlich! – im Pionierblasorchester unterwegs.

    Dies hat sich tief als Delle in meine Psyche eingeprägt. Gegen Marschmusik und Orchester aller Arten habe ich noch heute ausgesprochen starke Aversionen.

    Aber fein gespielte Jazz-Instrumente vermögen einen gewissen seelischen Seelenfrieden mit Blechblasinstrumenten. Saxophon, Posaune, Trompete – in einem düsteren verrauchten Nachtclub begleitet von einem Swing-Besen an den Drums und versüsst mit einem Bourbon on the Rocks mag ich Trompeten sogar richtig.

  6. Oh, da bist du ja weihnachtsmarktgeschädigt. Ich hoffe, das steht unseren Plänen nicht im Wege??

    Hier mal meine Weihnachtsmarkt-Enttäuschung aus dem letztem Jahr, auch musikalisch untermalt, allerdings handelt es sich um eine gruselige Playbackversion.

    http://bananenrepublik.blogspot.com/2008/12/weihnachtsmrkte-2008.html

    cu!

  7. a. ich glaube, ich mag gar keine blasinstrumente. auch keine blockflöten, obwohl ich sie beinahe glorienreich beherrsche.

    b. annette! unseren plänen steht nix im wege. das wird super!

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