Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Realität

4 Kommentare

Unter meinen Kollegen gibt es einen Ausspruch: „Im Gerichtssaal ist die reale Welt.“ Und darüber möchte man eigentlich gar nicht nachdenken. Nicht über den 50 Jahre alten Mann mit der umfangreichen Kinderpornographie-Sammlung, über den selbstständigen Familienvater, der aus lauter Geldnot bei Hehlereien mitmacht oder den 18-Jährigen, der sich nicht anders als durch Gewalt zu helfen weiß.

Oder über das heute morgen. Was irgendwie merkwürdig war. Drei junge Männer, 18 bis 20 Jahre alt, eine Clique. Und man sitzt da und denkt darüber nach, dass die drei zwar dämlich (Zitat: „Ich hab ihn halt geschubst – mit meiner Faust“) sind, aber gemeinschaftliche Körperverletzung kein Bringer für die Zeitung ist. Und so zu denken: Dafür schäme ich mich schon. Nur: Ist leider so. Wie häufig Körperverletzungen verhandelt werden: Unfassbar. Was das für Typen sind: unfassbar. Wenn man da sitzt, denkt man zwar: „Bah“, aber weiß gleichzeitig: „Das interessiert kein Schwein.“
Egal. Es geht zum letzten Teil der Verhandlung. Da, wo die Jugendgerichtshilfe ihren Senf abgibt, über die Familien der Täter spricht, über „Sozialprognosen“. Und wo die Vorstrafen verlesen werden. Und da ist mir die Kinnlade runtergekippt, der Kollege vom Konkurrenzblatt schluckte schwer, die Schöffen guckten betroffen. Da sitzt da einer der Angeklagten, der zwar in Handschellen hineingeführt wurde, aber irgendwie noch am „nettesten“ wirkte. Zwar völlig durch, aber irgendwie mehr wie gestrandet, ohne Perspektive und deshalb eben da, wo er ist. Und dann hört man, was er schon getan hat. Vergewaltigung (Anklageschrift wurde vorgelesen – unschön), sexueller Missbrauch eines Kindes (ebenfalls vorgelesen – ebenfalls unschön), Nötigung, Waffenbesitz, räuberische Erpressung. Und man denkt nur noch „Bah“. Und das ist so „Bah“, dass man es nicht mehr in Worte fassen kann. Und dann sieht man hinter sich und hat da die Freunde der Angeklagten sitzen. Denen die Bewunderung ins Gesicht geschrieben ist.

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4 Kommentare zu “Die Realität

  1. Ich bin dagegen, dass diese Realität zum Alltag für einen Großteil der Bevölkerung wird.

  2. das schlimnme ist ja….vor dem hintergrund des langen vorstrafenregisters und insbesondere aus deinem blickwinkel….könnte es schon fast wieder interessant werden für die leser….leider.
    manchmal fragt man sich….ob es nicht schöner wäre wenn sich die menschheit mehr für profane autodiebstähle oder geklaute gartenzwerge interessieren würden und weniger für das elend das sonst so in zeitungen zu lesen ist.

    ich weiß, ich weiß….das wäre schöne, heile, rosa welt und klingt mehr als unwahrscheinlich….aber manchmal halt irgendwie doch wünschenswert…..

    im großen und ganzen beneide ich dich ja schon sehr um deinen job….aber in momenten wie diesen, nicht mehr ganz so sehr

  3. Zum Glück sind die Leut mit einem dermassen langen Vorstrafen-Register (noch) nicht das Spiegelbild unserer Gesellschaft: Du erlebst zwar eine Realität, die finsterer ist als so mancher mieser Film, doch die Welt jenseits des sozialen Brennpunktes Gerichtssaal schaut (noch) nicht ganz so finster aus.

    Allerdings meine ich eine gewisse Abwärtsspirale auszumachen: es gibt wenig Werte (ja, das sag ich als Nicht-Konservativer), es gibt wenig Menschen mit Träumen – und die werden auch noch als Spinner ausgelacht. Es gibt wenig Solidarität und einen zynischen Hang, angesichts der Nachrichten auch noch Witze drüber machen zu müssen (speziell bei mir seh ich diesen Zynismus immer öfter). Auch wenn ich noch nicht bedroht oder ausgeraubt wurde, mein kleiner Bruder wurde erst diese Woche von Nazis zusammengeschlagen, die ihn wohl auch „nur geschubst haben – mit der Faust und den Füssen“.

    Wie man für solche Idioten aber auch noch Bewunderung aufbringen kann, entzieht sich meiner Denkwelt.

  4. Nach der Überschrift bekomme ich diesen neuen Hornbach-Spot nicht mehr aus dem Kopf…. argh!!!

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