Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Liebevolle Details der Schlagbohrmaschine

6 Kommentare

Sie sind schuld: Kochsendungen, Einrichtungssendungen, Heimwerkersendungen, Schick-Dich-auf-Sendungen und was es nicht noch für Kategorien gibt. Immer mehr Leute, denen man begegnet, reden so wie sie sonst nie reden würden. Ich kann es kaum noch zählen, aber wie oft in letzter Zeit hörte ich „Und dann noch dieses liebevolle Detail… und dieses liebevolle Detail und dieses liebevolle Detail. Und am besten gefällt mir dieses liebevolle Detail.“

In meiner kleinen, äußerst beschränkten ostfriesischen Welt kann irgendetwas vielleicht ein oder zwei liebevolle Details haben. Aber wenn es mehr sind: Ist dann nicht das ganze Etwas „liebevoll“? Und sowieso! Kann ein Detail liebevoll sein? Ist es nicht die Idee des Entwicklers, die dahinter steht? Und wie liebevoll ist diese Idee? Möchten Entwickler doch in den meisten Fällen, das ihr Produkt von möglichst vielen gekauft wird.

„Liebevolles Detail“ gehört in diese Kategorie, in der Sachen landen, die aus dem Fernsehen abgeschaut wurden und irgendwann von der Schicht übernommen werden, die gerne als „modernes Bildunsbürgertum“ gelten möchten. Diese Leute schauen Ratgebersendungen auf VOX, weil der Sender so heimelig ist (okay, ich schaue ihn auch ab und zu), haben große Portemonnaies, deren Kleingeldfächer sie öffnen, um das Geld aufschüttelnd auf den Tresen rutschen zu lassen und dann zu zählen.

Ausserdem kaufen diese Leute Einmachgläser, umklammern sie mit beiden Händen, als wären die 40Cent-teuren durchsichtigen Kleinode ihr persönlicher Schatz, planen selbstgemachtes Pesto in den verrücktesten Sorten (Ananas-Kakaobohne, Mango-Kidneybohne und Vanilleschote-Lammkarree) für diese Gläser, scheitern aber daran, dass ihnen die Gläser beim Auskochen platzen. Sie haben diese kleinen neumodischen Körbe, die sich oben mit einem Reissverschluss schließen lassen, führen dort drin aber nur das große Portemonnaie (siehe oben), ein pink-braunes Tchibo-Stirnband und eine Packung Taschentücher spazieren. Diese Packung Taschentücher benötigen sie übrigens, um den Coffee-to-Go, den sie mit ihrer besten Freundin auf dem kurzen Weg vom Supermarkt zum geparkten Smart, besser anfassen zu können.

Nach dem Einkauf befindet sich im Korb ein Bund Lauch. Das sieht nämlich sehr ernährungsbewusst aus, wenn die grünen Striezel oben wie ein Iro herausschauen. Auch eine Flasche Rotwein ist dabei. Aber nicht unbedingt ein Guter. Zuhause wird er in den Decanter gekippt, der umgeben von Tine Wittlers Wohnideen mehr Statussymbol als Gebrauchsgegenstand ist. Rotwein wird nämlich nicht getrunken. Zu gefährlich. Ein roter Fleck, weil das Glas umgekippt ist (Fernsehprogramm angehalten, kurz Sex gehabt, Glas umgekippt), wäre kein liebevolles Detail.

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6 Kommentare zu “Liebevolle Details der Schlagbohrmaschine

  1. Huh, das hab ich bestimmt auch schonmal gesagt. Ich werde in Zukunft darauf achten und mich geißeln! 😉

  2. Mit wie vielen liebevollen Details, du deine Erzählungen ausschmückst…
    Ich gehe wohl zu selten unter Menschen, außerdem habe ich seit fast einer Woche den Fernseher abgeschafft, um solche kleinen aber feinen Dinge zu bemerken.

  3. Ich liebe es. Ich preise mit Vorzug Dinge an, eben mit Worten wie „ein liebevolles Deatail“ oder auch „wünderschön herausgearbeitet…“ oder mein liebster: „Das bringt ja auch Wärme in den Raum ne?“.
    Das sage ich immer, wenn ich auf den Duftbaum in der Kühlkammer zeige.
    Aber die Beschreibung der Frau: sehr gut! Auch wenn die keinen Smart fährt. Die fahren Polo. Und der Korb ist offen – Transparenz! Aber ein wichtiger Umschlag darf eigentlich nicht fehlen. Und bunte Schuhe.
    Gott weiß warum

  4. Aber Hauptsache ist doch, wir haben alle genüg STAURAUM in unseren liebevoll eingerichteten aus-30qm-werden-optische-300-Wohnungen.

  5. Nicht zu vergessen die „persönlichen ACKZESSOAAAAHRS“, die das kühle Badezimmer in eine heimelige Wohlfühloase verwandelt haben.

    Und nun mache ich mich auf die Suche nach liebevollen Details, die aus meinem klitzekleinen Schuhkarton eine gefühlte Villa machen.

  6. Hi, also wie das Cori macht, würde ich gerne wissen: aus 30qm optische 300qm 😉
    Ich würde mich ja schon mit optischen 60 zufrieden geben.
    Das schöne ist ja, alles ist möglich. Man braucht nur die richtigen Ideen dazu. Genau das versuche ich selber auch auf http://www.wogado.de rüber zu bringen. Ich hole mir aber auch immer gerne wieder neue Ideen, wie z.B. auf Blogs wie diesen hier. Kommerzfrei und nett 🙂

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