Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

In den Fängen der Rabeneltern

10 Kommentare

Ich liebe das Unterschichtenfernsehen. Nach einer ordentlichen Portion Fremdschämen kann ich die Dinge um mich herum mit ganz anderen Augen wahrnehmen und nach dem Kreischen vor Abscheu fühle ich mich fast wie nach einem Tor des BVB gegen Schalke (das Stichwort lautet „Katharsis„).

Manchmal werde ich aber vor dem Fernseher richtig wütend. Dabei hatte alles so schön angefangen.

Das Supertalent auf RTL verspricht noch krassere Typen als DSDS und nach den gestrigen drei Stunden Laufzeit war ich so desillusioniert, dass ich zum Einschlafen nicht mal mehr von besseren Zeiten träumen wollte respektive konnte.

Fall 1:

Da kam also dieser siebenjährige, altkluge Junge an, dessen Name mir schon beim Zähneputzen entfallen war – gerade dünkt mir allerdings, dass er Leon hiess. Nun gut, im Vorstellungsfilmchen noch mit den stolzen grenzdebilen Eltern gezeigt, stand er kurz danach alleine auf der Bühne, um eine Büttenrede zu halten. Nicht zu erwähnen brauche ich norddeutsches Gemüt hoffentlich, dass Karneval für mich schlimmer als jede Foltermethode des 30jährigen Krieges ist. Steht er da also, dieses hässliche Kind, und meine Mutter und ich fragen uns noch, ob es nicht verboten ist, sein offensichtlich zurückgebliebenes Kind so zur Schau zur stellen, als herauskommt: da liegt gar kein Zurückbleiben vor. Stolz stehen die Eltern neben der Bühne, die Mutter murmelt die furchtbare Büttenrede auch noch mit und als der Junge schon nur dank des pädagogischen Geschicks des Herrn B. weiterkommt (nur, um dann im Halbfinale rausgeschmissen zu werden) und er die Bühne verlässt, stehen ihr beinahe die Tränen in den Schweinchenäuglein. Natürlich hat er das geprobt-süßeste vergessen und wird noch mal von Mama Debil und Papa Debil auf die Bühne geschickt,  um der Sylvie van der Vaart ein „Du bist toll und wärest was für mich“ (oder so ähnlich) entgegenzuschmettern.

Fall 2:

Achtjähriges Mädchen. Farina. Arbeitet schon seit vier Jahren als Hamburger Model und möchte gerne ihr Talent zeigen: Laufstegmode präsentieren. (Nächste Staffel mache ich da auch mit. Talent: Kuchen backen). Bruce Darnell hyperventilierte beinahe vor Freude, während die Mutter nach der Aussage des Herrn B. („Wäre ich Dein Vater, ich würde es Dir verbieten.“) vor Schrecken einen Herzklabaster zu bekommen schien. Hatte da etwa jemand entdeckt, dass sie, das unsympathische Hamburger nageldesignende Gesichtsmoped dem Kind keinen Vater präsentieren konnte (dabei weiss doch jede Frau: ein Mann – ein Zyklus) und durch Klein-Farina nur ihren utopischen Traum von einer Modelkarriere leben will/wollte? Auch das frühreife Ding kam übrigens ins Halbfinale, wo sie ebenfalls ausschied.

Hatte es etwa nicht gereicht, den Bereich, in dem einmal Brüste wachsen sollen, in die Kamera zu halten? Konnte bei Leon der Charme des Jungen, der es tatsächlich verdient hat, wenn ihn seine Klassenkameraden mit dem Kopf ins Schulklo stecken, kein Mitleid bei Brucie, Sylvie und Dieti hervorrufen? Eigentlich hätten beide mit ihrem Talent ja gar nicht die Vorrunde überstanden (es sei denn, laufen und reden sind mittlerweile  so selten geworden, dass es tatsächlich als Talent gilt), würden hinter der Bühne nicht ein paar Psychologen stehen, die dafür sorgen, dass die Kiddies weiter kommen, um einen noch größeren psychischen Schaden zu verhindern. Nur aus diesem Grunde gab es dann auch wohl die Zwischenentscheidung, wo es für Bütten-Leon und Lauf-Farina-Lauf dann vorbei war mit dem RTLRuhm (denn so können sie, Mama, Papa, Omma, Oppa nun die nächsten Jahre jedem, der sich nicht bei drei den Baum auf den man eigentlich hätte rennen sollen in die Ohren gestopft hat, erzählen, dass sie mal beim Supertalent in die zweite Runde gekommen sind).

Lange Rede, kurzer Sinn: Eltern, Elternteile, die ihre Kinder ins Fernsehen treiben, sollte die Erziehungsberechtigung entzogen werden. Was soll denn aus einem Kind werden, dass mit sieben schon denkt, er wäre ein super Büttenredner, die Optimum-Rampensau? Was aus einem Mädchen, die mit acht schon meint, sie wäre die zweite Heidi Klum? Arschlochkinder. Und später Arschlocherwachsene. Bah.

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10 Kommentare zu “In den Fängen der Rabeneltern

  1. fremdschämen ist genau der grund, weshalb ich sowas einfach nicht gucken kann. ich muss da abschalten, weil ich total im erdboden versinke, bei dem was da im tv so gezeigt wird. grausig 😉

  2. Farina? FARINA???
    Ist die wohl nach dem französischen Wort für Mehl benannt worden oder dann doch eher nach Farin Urlaub? Ich jedenfalls muss dabei zwanghaft an Mehl denken.

  3. Ist das schöön hier! 🙂

  4. Ein klassischer Fall von:

    „Zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört auch das Recht auf Dummheit.“ [Mark Twain vor gut 150 Jahren]

    Der Kerl mit der Büttenrede hiess glaub ich Leon-Alexander (hatte beim Zappen einige Sekunden gesehen, dachte noch „die werden ja bei DSDS immer jünger“, bis ich überriss, dass es eine andere Sendung ist). Reiht sich harmonisch in die Reihe der Schakelines und Farinas ein.

    Farina: Dennis Farina in Snatch als Cousin Avi: „Yes, London. You know: Fish, Chips, Cup o‘ tea, bad food, worse weather, Mary fucking Poppins, London!“

  5. Und meiner Meinung nach haben Sender wie RTL (oder wo läuft das jetzt noch?) eine Mitschuld. Deshalb fordere ich eine Altersgrenze, unter der man sich nicht bewerben kann. Und wer älter ist und sich trotzdem blamieren will, der soll das gerne tun… 😉

  6. du liebes lieschen, mein (oder dein) rss is kaputt, ich hab seit tagen nix mitgekriegt von hier. als ob ich nicht genug um die ohren hätte, es könnte ja auch einmal was funktionieren im leben, und arbeitslos sein ist auch nicht mehr das, was es mal war… 🙂

    und was überbegabte kinder im tv angeht: ich schalte bei so was ab, seit ein knabe von einer alm bei wetten dass mal die marke von föns (fönen?) am geräusch erkennen konnte. beim gedanken daran rollen sich mir heute noch die fußnägel hoch!

  7. Ich habe kein Mitleid mehr. Die Kinder sind bei so Kackbratzen von Eltern doch eh verloren.
    Das mit dem Recht auf Dummheit ist wahr. Jeder sollte sich doch so beschissen wie es geht präsentieren dürfen. Wäre ich nett, würde ich wohl sagen, man dürfe sich nicht über andere Erheben. Aber so sage ich: Das ist die Ernte dessen, was die freiwillige Verdummung durch Sender wie RTL hervorruft. Es ist fast wieder witzig zu sehen, wie geil die Menschen im allgemeinen auf ihre 15 min. Ruhm sind. Sollen sie im Feuer verbrennen, dass sie selbst vorher entfachen.
    [Das man Kinder generell vor sowas schützen sollte – gut. Aber wenn ich ehrlich bin: Da die Kapazitäten schon nicht reichen um Kinder von Alkoholikern und Kinderschändern in Heimen unterzubringen, wir gleichzeitig über zu hohe Steuern jammern und nicht wissen wo die hingehen – da stehen die Kinder dieser Bratzen hinten an. [[Außerdem glaube ich dran, dass jeder Geist sich befreien kann. Heißt: Mit steigendem Alter können diese Kinder selbst erkennen, welchen Schwachsinn sie da mitmachen [[[Ich hätte sowas als Kind nie mitgemacht, soviel freier Geist war vorhanden]]]]]]

  8. @SuperSonic: Dein Zynismus ist beneidenswert, genau auf den Punkt gebracht. Doppelplus für die treffende Formulierung! 🙂

    Wobei ich den Schwarzen Peter net „Sender wie RTL, also known as Unterschichtenfernsehen“ allein vergeben will. Immerhin richten die sich in ihrer Programmgestaltung nach den Themen, die mit wenig Aufwand den meisten Gewinn versprechen. Deutlicher gesagt: wir bekommen das Fernsehen, welches wir verdienen (wir = die Gesamtmasse des Publikums. Es gibt Bayern Alpha, ARTE, 3sat – aber die Einschaltquoten sprechen eine deutliche Sprache).

  9. Man muss die nur nach vorne holen! Was ich die Tage wieder alles gesehen hab… Reportagen über Uganda und Mozambique, eine Doku über Elke Heidenreich, nano usw. Alles total interessant. Genau so wie RTL und Konsorten und wenn die vorne wären, würde ich gar nicht bis arte kommen.

  10. Ach, es ist eben wirklich so, dass ein kleiner Teil der Menschen wirklich Bildung schaut und der Rest will gern verdummen. Witzig: Ich schaue ja selbst sowas (also Bauer sucht Frau wie auch das Supertalent). Nur das ich die Bauern zb. einfach als…. teilweise geistig behindert (speziell einen) ansehe und über das Inzestproblem nachdenken muss.
    Aber es stimmt: Wir kriegen das Fernsehen, dass wir verdienen. Problemlöser und die kranken, die eben 15 min. Ruhm suchen und dabei alle Peinlichkeiten ausnutzen, nur damit eine Kamera ihre Person mal erfasst und man sagen kann, man war im Fernsehen. Aber diese Leute schützen? Nö.
    Und ich würde auch nie solche Sendungen verbieten wollen, eben weil genau wie tigger sagt, das nur das Echo auf die Einschaltqouten ist.
    Wenn alle ARTE sehen würden, dann wäre ARTE sicher nicht da, wo es jetzt ist. Wir wollen ja Supernannys und Trash.

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