Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Liebesbrief in Zeiten der Spammail

7 Kommentare

Wie zeitgemäß sind eigentlich Liebesbriefe? Und freut sich heute noch jemand über einen handgeschriebenen, leicht nach Parfum duftenden Brief? In Zeiten, in denen ein Programm namens „Cyrano“ für einen die Liebesbriefe schreiben kann? In denen man sich nicht einmal mehr über seine Gefühle Gedanken machen muss, weil hunderte von Internetseiten einem schon SMS- und Studivz-Pinnwandtaugliche Formulierungen zur Verfügung stellen. (Wobei „tauglich“ in jedem Fall ein weiter Begriff ist)*

Gestern, alleine auf dem Sofa sitzend, Schmonzetten guckend und mengenweise FastFood in mich hineinstopfend, stellte ich mir genau diese Frage. Zwar spielen Liebesbriefe in Filmen und Serien immer wieder eine Rolle, aber wer hat schon mal einen (richtigen, echten) Liebesbriefe bekommen? Bis auf einen im zarten Alter von 16 Jahren, der vor Fehlern kaum zu lesen war und auch sowieso auf taube Ohren/blinde Augen stiess, habe ich zumindest noch keinen bekommen. Und geschrieben habe ich auch erst einen. Vor kurzem, wohl als Folge meiner traumatischen Unfallerfahrung: aber abgeschickt/abgegeben habe ich ihn natürlich auch nicht (Ich zitiere in dem Fall noch mal Mike Skinners: „Not gonna risk losing you, which is why I’m never gonna woo you.).

Also: freut Mann/Frau sich heute noch über Liebesbriefe? Wie vorsichtig muss man vorgehen, um nicht auf eine „Nur die Liebe zählt“-Schiene zu rutschen, die allen Beteiligten nur unangenehm wäre? Schreibt man mit Tinte, Kuli, rosa Fineliner? Oder schreibt man tatsächlich eine LiebesMail mit Empfangsbestätigung?

Fragen über Fragen, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Vielzahl an Kommunikationsmöglichkeiten es nicht gerade leichter machen, seine Gefühle kundzutun. Gerade für Menschen, die leicht anfangen zu stottern und rot zu werden, wäre doch ein Liebesbrief die ideale Lösung. Nur: tagtäglich springt einem ins Gesicht, wie man sich in Menschen täuschen kann. Was, wenn sie mit dem Liebesbrief schnurstracks zum Kopierer respektive Scanner rennen, um ihn auch an alle Freunde, Kollegen und Mitspieler zu verteilen? Da würde ja nur noch helfen, sich einzugraben.

Sind Liebesbriefe der ideale Weg, um jemandem nicht gleich ein ganzes Schild vor den Kopp zu halten? Oder sind sie erst nicht peinlich oder unangenehm, wenn sie innerhalb einer Beziehung entstehen?

Ach, oder halten wir es einfach mit Beethoven, der in einem seiner Liebesbriefe schrieb: „Es gibt Momente, wo ich finde daß die Sprache noch gar nichts ist“ (Ludwig van Beethoven, 06. Juli 1806, Am Morgen) und schweigen. Oder singen doch bei Kai Pflaume. Oder tanzen. Oder malen ein Bild (und wieder Mike Skinner: „I drew a drawing of you after last time I saw you, I never felt to draw a picture like that before, I learnt a lot about myself drawing all morning – it was absolutely shit, I’m awful at drawing.“).

* Empfehle thematisch dazu übrigens das Kapitel über Beziehungen in: Bonner, Stefan, Weiss, Anne: Generation Doof, Bergisch Gladbach, 2008)

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7 Kommentare zu “Der Liebesbrief in Zeiten der Spammail

  1. ich glaube, so als erstes geständnis an einen mehr oder minder ahnungslosen menschen, sind sie wirklich fehl am platze. der fühlt sich dann entweder total überfahren oder entscheidet sich doch für den kopierer.
    aber wenn da schon mehr ist, kann es, denke ich, recht spannend sein. sofern man eben in der lage ist, die richtigen worte zu finden. und das ist wohl immer das hauptproblem 😉

  2. form: mit schwarzer oder blauer tinte auf weißen papier.
    grundsaetzlich gehen liebesbriefe aber. man darf nur nicht vor pathos strotzen und muss an die richtige person schreiben. ich denke das nur wenige, coole menschen einen solchen zu schaetzen wissen. aber das wird ja der fall sein.
    erfolgreiches schreiben!

  3. Ich bin auch dafür, aber man sollte den anderen schon wenigstens gut kennen. Und das mit den richtigen Worten ist eigentlich gar nicht so schwierig. Die Wahrheit kann nämlich gar nicht kitschig oder doof sein!

  4. Gerade in Zeiten der vielen Kommunikationsmittel sind Liebesbriefe etwas sehr schönes, sehr intimes und ich finde auch viel ehrlicheres als eine kurze SMS oder Email. Einen Brief mit Hand zu schreiben erfordert Sorgfalt und mehr Zeit, als ihn irgendwo zu tippen. Wenn sich jemand wirklich die Mühe macht in der heutigen Zeiten einen Brief per Hand zu schreiben, sogar mit Füller (der ja auch irgendwie mehr und mehr zu verschwinden droht), meint er das, was im Brief steht auch wirklich ehrlich.
    Aber ich folge meinen Vorrednern, derjenige, der den Brief bekommt, sollte schon etwas von seinem Glück ahnen, sonst wird dieser doch etwas perplex von soviel Ehrlichkeit, Mühe und Gefühl sein.

  5. Liebesbriefe sind doch eine Frage der Definition. Ich schreibe generell lieber mit der Hand, obwohl es am Rechner schneller geht. Ich kann aber auch zb. wissenschaftliche Texte nicht am Rechner lesen, sondern muss Drucken.
    Daher: Mit Kuli und ich würde kleine Briefe die man auf Zugfahrten schreibt, im Urlaub oder weil man gerade tolle Musik hört als solche bezeichnen. Aber Gott möge Blitze in meinen Körper jagen wenn ich mal anfange Briefe zu parfümieren oder Kitsch zu schreiben. Wie Kesro sagt: Liebesbriefe müssen doch nicht kitschig sein. Und ein „du bist meine Königin des Rock“ kann doch auch nett sein.

  6. Wo sind die Fliesen denn? Zuviel Unterschichten-TV gestern Abend? 😉

  7. Liebesbriefe sind toll! Viel schöner, als eine einfache e-mail, oder SMS.

    Allerdings finde ich auch, dass parfümierte Briefe einfach „too much“ sind. Vorallem, wenn der Empfänger noch nichts von seinem Glück ahnt!

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