Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Manchmal versteckt sich das verstehen

3 Kommentare

Vorurteile hat jeder. Sie strukturieren das was wir denken und geben uns ein Gefühl von „Wir verstehen die Welt“, auch wenn dem nicht so ist. Ich glaube, es gibt niemanden, der keine Vorurteile hat. Schlimm ist es aber, wenn man keine Lust hat, sich diesen zu stellen und diese gegebenenfalls aufzugeben. Das kann ein Zeichen von Intoleranz sein (was im Weiterdenken für Dummheit steht), von Bequemlichkeit oder einer gewissen Art von Verschlossenheit vor neuen Erfahrungen. In allen drei Fällen bin ich intolerant. Warum?

Nicht nur die Akademikersache bei der Arbeit liess mich über Intoleranz und das Problem mit den Vorurteilen nachdenken. Auch ein paar andere Dinge. In meinem näheren Umkreis fällt mir eine unglaubliche Ablehnung von aus Russland stammenden Mitmenschen auf. Der neue Freund meiner Cousine ist Russe und die Familie scheint am Rad zu drehen. Was nun aber genau das Problem ist, kann nicht näher erläutert werden. Es kommen mehr so Dinge wie „Ich kannte da mal einen…“ und so. Aber gibt es nicht überall unsympathische Menschen? Lässt sich das daran festmachen, aus welchem Land man kommt? Bestimmt nicht. Ich kennen jemanden, der hat braune Haare und ist mal echt nicht der Mensch, mit dem ich reden möchte. Habe ich gleich was gegen braunhaarige? Nee.

Oder gestern: „Da standen Ausländer vorm Haus. Ich habe mich kaum rausgetraut.“ (Begebenheit nicht aus meiner Familie!) Wäre das Problem das selbe gewesen, hätten dort Deutsche gestanden? Woher diese Ablehnung alles Fremden (fremd im Sinne von „kenne ich nicht“)? Woher dieser Unwille mal einen Schritt aus seinen Vorurteilen herauszugehen? Warum greift es um sich, dass man keiner Erfahrung eine Chance geben will? Und dies bezieht sich ja nicht nur auf den genannten Bereich. Wo liegt das Problem mit Homosexuellen? Warum wird es einigen so schwer gemacht, dazu zu stehen? Warum wird man als Fußballfan in die Kategorie „dummer Proll“ und „gefährlicher Massenmensch“ (Masse gibt es übrigens nicht. Das ist politische Propaganda – von links und rechts. Es heisst Menge.) gesteckt? Sagt der Schulabschluss wirklich was über die Intelligenz aus? Gerade in Zeiten, wo es sich viele Eltern nicht mehr erlauben können, ihre Kinder 13 Jahre zur Schule zu schicken? Gibt es nicht Zeichen von Intelligenz, die nicht in der Schule gelehrt werden? Sozialverhalten, Humor, Aufgeschlossenheit? Was hat es da zu bedeuten, wenn ich den Beweis für die Richtigkeit des Satzes von Pythagoras bringen kann? Nix.

Eigentlich rede ich nicht gerne über solche Dinge. Weil ich glaube, dass man die Menschen so leben lassen soll, wenn sie nur niemanden anderen verletzen. Und weil man Dinge auch erst zum Problem reden kann. Aber manchmal kann ich nur fassungslos da stehen und mich wundern. Wirklich wundern.

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3 Kommentare zu “Manchmal versteckt sich das verstehen

  1. ich glaube, der hauptgrund liegt, wie du ja gesagt hast, darin, dass menschen dieses schubladen-denken brauchen, um mit der welt klarzukommen. sie ist viel zu vielfältig, als dass man sie als mensch wirklich begreifen kann. also filtert man und steckt in kategorien, um ihr eine struktur zu geben. und das führt in dem moment zu vorurteilen, in dem man sich einfach gewisse kombinationen nicht vorstellen kann. so wie z.b. den „sophisticated soccer-fan“, bei dem ich ja zugegeben auch so ein klein wenig meine probleme habe ;).
    ich glaube, dass man schon relativ dieses grundschema wie die welt sein sollte für sich selbst aufbaut. und alles, was da nicht reinpasst, wird per se abgelehnt.
    lösen lässt sich das nur, in dem man eben, wie du darüber nachdenkt, warum das so ist und wie man es vielleicht umgehen kann.

  2. Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten die Intoleranz nicht zu tolerieren! 😉

    Intelligenz und Bildung sind meiner Meinung nach auch zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn beides aufeinander trifft, ist das schön. Am besten ist auch noch ein gewisses Ethi-Bewusstsein mit im Boot, sonst kann es gefährlich werden. Ansonsten kenne ich Leute, die wissen alles und kapieren garnix, was eine üble Sache ist, vor allem, wenn sie mit einem diskutieren möchten. Umgekehrt ist gar nicht so schlimm, denn meistens kann man ja kaum was dafür, wenn man nicht den Abitur-Studium-Weg gegangen ist. Mit diesen Menschen kann man sich prima unterhalten, über fast alles.

    Ich neige aber auch dazu, Intoleranz mit Dummheit in einen Topf zu werfen. Und da kann man wohl nicht viel machen.

  3. Du fährst aber gleich ganz große Geschütze auf.

    Ausländer: Nach einer Woche in Berlin-Neukölln neig ich dazu, dies als soziales Problem zu sehen. Fehlende Integration, kaum Chancen, viel Vorurteile – kein Wunder, dass sich da eine Gegenbewegung bildet, war ja bei Punks damals auch so 🙂 Es passiert immer wieder, dass die Vorurteile „krimineller/sexuell belästigender Ausländer“ bestätigt werden, es gibt aber auch genügend Deutsche, die man am liebsten unangespitzt in den Boden rammen würd.

    Durch die von offizieller politischer Seite gepflegte „alles ist prima und in Ordnung“-Schönrederei wirds übrigens nicht besser.

    Schubladen-Denken: Seh ich so wie to_india: man BRAUCHT es irgendwie, immerhin will man ja aus erlebten Abenteuern lernen 🙂 Dass man dieses Schubladen-Denken dann mit Wissen aus der Zeitung und _NICHT_ mit eigenem Erleben befüllt ist eine andere Sache. Mich graust es nach wie vor, wenn ich einen Böblinger Dialekt hör, ist eben auch Schubladen-Denken, da mein erster Boss daher kam. Doch ich geb mir Mühe, meine Meinung zumindest nicht nach überliefertem Wissen anderer zu richten. Wobei ich z.B. beim Thema US-Politik genauso reflexartig reagier wie viele andere Europäer auch, die einfach keine Ahnung haben, aber mitreden.

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