Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das (…) Volk

10 Kommentare

Heute morgen beschloss ich, mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Ich laufe am Supermarkt vorbei, der gleich an der Bushaltestelle ist und sehe einen Typen, dem ich nur auf seinen Hintern starren konnte – schlicht, ja, aber in dem Falle sehr nötig. Ich guckte also so da hin und da hin als er mit seinem Kumpanen einen Tisch aus dem Markt holte und einen Stand errichtete – gespannt starrte ich hin, morgens an der Hauptstrasse in Oldenburg passieren schliesslich nicht so viele interessante Dinge: auf den Tisch wurde ein Karton gestellt, der bis dato scharfe Typ hängte eine Fahne auf und von einer Sekunde auf die nächste war der Typ aber so was von unscharf: eine NPD-Fahne.
Nun stellt sich mir folgende Frage: wie kann es sein, dass eine zwar erlaubte, aber nicht akzeptierbare Partei auf dem Gelände einer bekannten Supermarktkette anscheinend erlaubterweise ihren InfoStand für den in Niedersachsen stattfindenden Wahlkampf (Sonntag sind Landtagswahlen) aufstellt? Es ergeben sich nur zwei Antworten:
1. Der Stand war nicht erlaubt. Aber warum holten sie dann ihren Tisch aus dem Markt?
2. Der Stand war erlaubt und somit auch von der Supermarktkette unterstützt. Dies muss für mich eigentlich zur Folge haben, dass ich in diesem Supermarkt nicht mehr einkaufen kann.
Leider kam mein Bus, sonst hätte ich mich gerne mal mit den Jungs unterhalten. Als ich nach der Arbeit wieder an der Stelle vorbeikam, war der Stand leider schon weg.
Ich hatte mich am Wochenende aufgrund der aggressiven Wahlwerbung im Umkreis meiner Arbeitsstelle schon einmal über die Partei informiert (also so mit auf die Internetseiten gehen und so). Eine Sache ist mir besonders aufgefallen, mit der man die Argumentation derjeniger welcher sofort zerstören kann:
Permanent spricht der Spitzenkandidat von dem „deutschen Volk“, das sich vor Einwanderern schützen muss und sich vor allem über gemeinsame Erinnerungsorte definiert. Erinnerungsorte sind Dinge (sie müssen nicht örtlich sein), die bestimmte Erinnerungen hervorrufen und in das kollektive Gedächtnis einer Gruppe an Menschen eingehen: dies kann ein Ritual sein, ein Feiertag, eine bestimme Begebenheit: beispielsweise gezwungenermaßen der 03. Oktober als Tag der Deutschen Einheit oder freiwillig das Wunder von Bern, das Sparwasser-Tor oder der Kniefall Willy Brandts in Warschau (die Historiker mögen mir das Herunterbrechen auf eine einfache Erklärung verzeihen) – also Begebenheiten, die so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen und somit für eine Nation konstitutiv sind. Okay, also Erinnerungsorte. Wenn ich nun zurück denke, an aktuelle Erinnerungsorte dann fällt mir beispielsweise die WM 2006 an. Das ist definitiv etwas, dass, wenn wir von gemeinsamen Erinnerungsorten sprechen, mehreren Leuten einfallen wird. Also sind nach der Definition der NPD alle diejenigen Deutsche und gehören für sie vor anderen Menschen geschützt, die beispielsweise den Sieg Deutschlands gegen Argentinien gefeiert haben. Wir waren an dem Tag in der Stadt und die Stadt war voll mit Menschen, die gefeiert haben und viele davon hatten einen Migrationshintergrund. Aber sie freuten sich für die deutsche Nationalmannschaft: weil das Spiel gut und der Sieg verdient war.

( Jens verzeiht mir hoffentlich, dass ich sein Photo geklaut habe?! )
Und jetzt nochmal: während die NPD gegen Multikulti wettert und so einen Kram wie – lax gesagt – Deutschland den Deutschen fordert, sind sie sich selber nicht sicher, wer denn deutsch ist, wenn sie da von Erinnerungsorten quatschen. Wobei sowas wie Nation XXX der Nation XXX eh von gestern ist. Was ist eine Nation? Was ist Nationalität? Wie definiert sich eine Nation? Wer oder was bestimmt, wer zu ihr gehört oder wer nicht? Warum sagt man nicht einfach, das und das sind die Bewohner von dem und dem Land? Und wer hier wohnt, wohnt hier. Und wem es nicht passt, der soll ich halt ne Sandbank suchen.

Die Moral von der Geschicht: ein NPD-Arsch ist ein schöner nicht (dir gewidmet).

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10 Kommentare zu “Das (…) Volk

  1. DANKE! Der Satz musste rein. Er lag mir so auf der Zunge und du hast ihn einfach nicht mehr untergebracht. Der musste. Es tut mir leid 🙂

  2. leider sind bei uns ja auch diese Parolen immer wieder – vor allem im Wahlkampf (siehe die winterliche Stimmung in Graz)

    ich kann diene Frage, was Nationalität ausmacht echt nur unterstreichen, denn wenn wer sich ne „echte“ Wienerin nennen mag hat aus zumindes 2 anderen Nationalität Anteile im Blut – also zu welchem Volk gehör ich dann ??

    Ich glaube das Problem ist, dass die Menschen vor dem Fremden immer schon Angst hatten, vor den Dingen die sie nicht verstehen (wollen oder können) und dazu kommt dann noch die Angst von was zu wenig zu bekommen, bzw. dass ihnen etwas weggenommen wird – und was ist einfacher, als das auf die Ausländer zu schieben – brauch ich mir ja über sonst nix und schon gar nicht über mich selber, den Kopf zerbrechen

    so sternenstaubige Grüße aus Wien

  3. Die NPD hat wahrscheinlich nicht verstanden, dass „Erinnerungsorte“ ein dynamisches Konzept ist und dass da immer mal wieder neue hinzukommen können. Aber wie sollten sie auch, deren Geschichtsschreibung hört doch offensichtlich vor 1945 auf…

  4. das sollte nicht anonym sein, sorry, ich kenne doch die etikette 😉

  5. Wenn man das von dir genommene Beispiel WM 06-Achtelfinale Deutschland gegen Argentinien nimmt und das feiern des deutschen Erfolgs (wie auch immer der zustande gekommen ist) als ein Mosaik des Deutschsein nimmt, bin ich schon mal raus.
    Glücklicherweise wird die NPD wohl nie an die Macht kommen, sonst müsste ich (groß, blond, blau(-grau)äugig) wohl schon erste Auswanderungspläne machen…

  6. Die beiden Begriffe „Volk“ und „Nation“ als solche halte ich für inhaltsleere Propagandabegriffe, die etwas vortäuschen, die es nicht gibt, von daher schalte ich eh ab, sobald jemand sie in nicht satirschen Kontexten verwendet, aber ich denke, da verbreite ich keine Neuigkeiten hier.

    Darf man fragen, welche Oldenburger Supermarktkette die NPD unterstützt? War’s mal wieder Lidl?

  7. Unsere Rechtsaussen in Graz haben ähnlich verquere Ansichten – sehen dafür aber nicht mal schnucklig aus.

    Klar, darauf kommts ja auch nicht an 🙂

    Was die NPD angeht: wenn man sich mit ihnen und ihren Positionen beschäftigt und sie nicht nur ignoriert, dann wird einem schnell klar, WIE verquer sie denken. Insofern sollen sie sich ruhig öffentlich präsentieren, so sieht das Protestwahlvolk, wem sie beinahe die Stimme gegeben hätten.

  8. nee, es war der extra in der hauptstrasse (für die oldenburger).

    mir scheint übrigens das problem zu sein, dass sich viele menschen eben keine gedanken machen. hoffen wir für graz und niedersachsen nur das beste…

  9. ps: @ tigger: ohja, die sieht schlimm aus. und ansonsten auch. verdammt.

  10. Schaut doch mal hier:

    http://www.mtv.de/videos?cid=100192&name=highlights

    Ein gewöhnngsbedürftiges Lied, dennoch ein super Video, wie ich finde!

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