Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

…letzten großen Freundschaften der Welt…

6 Kommentare

Das StudiVZ sorgt eindeutig für die Inflation des Begriffes „Freundschaft“. Von den 100 „Freunden“ (damit es sich nun leichter rechnen lässt) habe ich mit ca 10 seit dem Abitur nicht mehr gesprochen, einige davon grüßen nicht einmal, wenn ich sie in der Uni treffe und mit einigen anderen würde ich für gewöhnlich nur im Falle eines Hausbrandes reden (im Gegensatz zu Olli Schulz, der mal gesagt haben soll: „Den würde ich nicht einmal anpinkeln, wenn er brennt“ – was als Beleidigung gemeint war). Die meisten sind lockere Bekannte, mit denen man einen Kaffee trinkt, wenn man sie trifft, ein kurzes, aber oberflächliches Gespräch führt oder denen man, wenn man sie trifft und nicht reden will ein schnelles „wichtiger Termin, muss weg“ zuwirft. Die wahren Freunde lassen sich mit 1. Klasse-Grundschulwissen abzählen – mal ganz davon abgesehen, das ich sogar Freunde habe, die gar nicht in dieser Community sind. Aber darauf wollte ich auch gar nicht hinaus – das StudiVZ war nur der Aufhänger.
Es ist interessant, für wie selbstverständlich man Freunde hält: sie sind da zum mensen, sie sind in einem Fall da, wenn man nach Hause kommt, sie sind abends da und teilen die selbe Idee von einer stimmigen Abendgestaltung und vor allem sind sie da, wenn man der festen Überzeugung ist, dass man es gerade nicht verdient hat, von irgendjemandem geliebt gemocht zu werden. Und an dem Punkt wird bewusst, wie glücklich man sich schätzen kann, genau diese wundervollen Freunde zu haben. Denn während man sich selber gerade ganz furchtbar fühlt, lieben und hoffen sie für einen mit, sehen die Dinge, die man gerade nicht sehen kann und führen einen durch den Tag, halten alles, was man nicht aufnehmen könnte von einem fern, stehen hinter einem, um aufzufangen, zu stützen oder einfach die Schulter aufbauend anzustupsen und sehen die Fehler, die man hat, nicht als etwas alles überschattendes, sondern als Teil von einem, der dazugehört.
Pathostoleranzgrenze überschritten? Halten wir es noch einen Moment aus und denken an Elbert Hubbard, der sagte: „Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt.“ Und so gipfelt diese Woche, die ihren Tiefpunkt wohl vorhin erreichte, als Scientologe Tom Cruise den Courage-Bambi erhielt, in einem Plädoyer für die Freundschaft. Keine Wochen des Plural, sondern „das was den Himmel erhellt, eine der letzten großen Freundschaften der Welt.“

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6 Kommentare zu “…letzten großen Freundschaften der Welt…

  1. Ich habe in den letzten zwei Wochen so viele liebe und unterstützende Nachrichten bekommen, dass ich mich ganz schäbig fühle, sie zur Zeit nicht angemessen zurück geben zu können, weil die dunkle Wolke der Examensarbeit meine positiven Energien aufsaugt (let’s get metaphorical). Wenn man die Zeit hat darüber nachzudenken, wie viele tolle Menschen für einen da sind, können auch der graue Novemberhimmel, Schnee- und Graupelschauer, die Stimmung nicht trüben… Ich mache mich dann trotzdem mal wieder an die Arbeit 😉

  2. Ich hasse das StudiVZ dafür, wie es mit dem Begriff „Freund“ umgeht! Irgendjemand dort wäre ja wohl kreativ genug gewesen, sich einen eigenen Begriff dafür auszudenken. Es hat ja auch einer „gruscheln“ erfunden, buaaaah…

  3. Diese Eintrag sagt ziemlich genau das aus, was mir seit Wochen durch den Kopf geht und nicht als vernünftiger Satz ausgedrückt werden konnte.

    Dank dafür.

    Und zu den StudiVZ-Freunden mag ich gar nicht mehr so viel sagen. Irgendwie ist das alles komisch.

  4. wie schön es hier ist seitdem es verschneit ist.

    steht hier vielleicht etwas ohne zusammenhang, aber ich kann ja auch nix dafür wenn das nun mal genau der satz ist, den ich auf diesen schönen beitrag gerne erwidern möchte.

  5. Ich muss Dir nicht sagen, wie sehr Du mir aus der Seele sprichst. Sie hätte Dir diesen Text diktieren können -das weißt Du!
    Epikur hat gesagt „Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft – keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.“ Was für ein kluger Mann.

    Entschuldige für das deutliche Übertreten Deiner Pathos-Toleranzgrenze, aber das musste sein 🙂
    Diesen Blogeintrag werde ich mir vermutlich ausdrucken. Danke.

  6. Um mal wieder unter die Pathos-Toleranz-Schwelle zu kommen: „Ein Freund mögen wir nicht weil er so ist, wie er ist – sondern obwohl er so ist, wie er ist.“

    Zumindest bei mir ist es so, dass ich Freunden sehr viel _mehr_ verzeihe als anderen Menschen, die ich nicht oder nur oberflächlich kenn. Solang die Freundschaft selbst nicht torpediert wird (Vertrauensmissbrauch oder einfach nur ein Auseinanderleben) akzeptiere ich gerade bei Freunden sehr viel: andere politische Ansichten, Jobs die mir nicht gefallen würden, Charakterschwächen wie Drogenkonsum…

    Und warum tu ich mir das an? Nun, zumindest bei mir ist auch eine Spur Egoismus drinnen: unter Freunden löst sich meine Anspannung, ich mach mir keine Gedanken was sie von mir denken, ich kann reden, tun und mich geben wie ich wirklich bin. Im Alltag neige ich viel zu oft dazu, mich irgendwie zusammenzureissen. Der Unterschied ist eben, dass ich mich unter Freunden sehr WOHL fühle und aus der allgemeinen Abwehrhaltung mal ausbrechen kann.

    Freundschaften sind übrigens nach meiner Erfahrung eine Gabe auf Zeit. Mein Tip: Weniger Pathos, aber ab und an einfach ein Danke! an alle Freunde, damit sie sehen, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist.

    Guter Artikel, und NATÜRLICH ein cooler Song von Tomte, läuft bei mir am Hendi auch in der aktuellen Musikauswahl 🙂

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