Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

(Ob) wir die Dinge die im Fernen liegen irgendwann einmal erreichen?!

11 Kommentare

Für B., T., P., C., St., Sa., Sar., F., N., J., Fr.

Ich habe mir heute nachmittag ein paar Gedanken mit T. gemacht. Wieder mal ging es um die Blender, die wir – wie bekannt – einfach nicht stehen sehen können. Besonders hervorgehoben wurde heute der Typ Blender, dem zwar keine intellektuellen Kapazitäten, dafür aber die finanziellen Mittel schier zugeschmissen wurden/werden. Ausgelöst wurde dies u.a. durch eine Aussage eines Kommilitonen letzte Woche: „Ich habe in sieben Wochen Prüfung. Ich weiss gar nicht, wie ich mit dieser Belastung umgehen soll!“ Tja, seine einzige Belastung besteht aber auch darin, dass er für diese Prüfung lernen muss. Ziemlich zickig konnte ich nur antworten „Tja, immerhin musst Du nebenbei nicht noch arbeiten.“ Angefressen verliess er mich dann und ich war mir mal wieder bewusst, wie sehr der Neid in meiner Stimme durchgeklungen hatte. Ich hoffe doch, dass ich – würde ich siebenhundert Euro nur dafür bekommen, dass ich mich aufs Studium konzentriere – nicht jammern würde: dankend hierfür, würde ich wohl jedem um den Hals fallen, Obdachlosen Brötchen kaufen und dem Flaschensammelmann der Uni jede einzelne meiner leeren Bionade-Flaschen zukommen lassen.
Nicht, dass mir nun das geistige Kapital so zugefallen ist. Ich bin da eher wie der Fußballspieler, der seine mangelnde Technik und seine fehlende Schnelligkeit durch Leidenschaft und Kampfgeist wett zu machen versucht. Klappt ja ganz gut (ich will mich nicht beschweren!), ist aber halt weitaus anstrengender.
Insgesamt sehe ich bei einigen in meinem Freundes/Bekanntenkreis, dass – bei den meisten scheitert es eben dann nicht am geistigen Kapital, sondern am wirtschaftlichen – vielen nun langsam die Puste ausgeht. Einige – meiner Ansicht nach wirklich brilliante Köpfe – sehen so ihre Zukunft nicht in der Wissenschaft (und sie haben nun wirklich wichtige Themen: nichts, was für den Ig-Nobelpreis nominiert werden würde), sondern in ganz anderen Dingen*. Was sicherlich nicht schlecht ist, aber so bleiben die Geeks und langweiligen Forscher unter sich und präsentieren interessante Dinge in einem gänzlich uninteressantem Licht. Man sollte vielleicht immer sein großes Ziel sehen: bei mir die Hallig mit Freunden; ein sehr feines Ziel!
Ich beende diesen Abschnitt mit einem Muntermacher für alle voller Selbstzweifel (gefunden bei Flo.): „Das ist der ganze Jammer, die Dummen sind immer so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.“ [Bertrand Russell]

Und morgen beschreibe ich endlich meine neuen Nachbarn: den verrückten Italien-Fan, die Grubenarbeiter ohne Grube, die Rekordhalterin im Schreien (und Kinder bekommen), den Spanner von Gegenüber und den weintrinken Mann aus der Pizzabude.

* so denken zwei daran, zur Bundeswehr zu gehen. Ein weiterer sieht sich in einem Büro, mit Zimmerpalme und einfacher Arbeit. F. will einfach nur Lehrerin werden (sicher nicht schlecht, aber wer mit so viel Herz Pädagogin ist, sollte doch nicht irgendwann vom Schulalltag aufgefressen werden!!!). E. betreibt sein Studium gar nicht mehr. Andere verzweifeln an Prüfungsordnungen; den diversen Nebenjobs, die Zeitfresser ohne Ende sind; an Freunden, die sich als egoistische Arschlöcher herausstellen; am schönen Schein, den man sich geben muss; am professoralen Habitus, der mehr Kampfgeist verlangt; an den Minderwertigkeitskomplexen, die ihnen sogar Sonnentage verderben; an Angst vor dem nächsten Tag; der irgendwann auftretenden Unfähigkeit, die einfachsten Dinge zu erledigen; dem mangelnden Schlaf, der einem die eigene Unfähigkeit vor Augen führt; an den Erwartungen der Eltern, Tanten, Onkels, die einen irgendwo sehen, wo man sich selber nicht sieht; an Fernbeziehungen, die kaum ein Zuhause ermöglichen und zu guter letzt an den eigenen Ansprüchen, sich von all dem nichts anmerken zu lassen.

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11 Kommentare zu “(Ob) wir die Dinge die im Fernen liegen irgendwann einmal erreichen?!

  1. Du sprichst mir aus der Seele…gerade mit dem letzten Abschnitt.
    Ich müsste (zum Glück) nicht Arbeiten, wenn ich aber noch die Studiengebühren aus Oldenburg zahlen müsste, hätte ich wohl auch keine Wahl mehr. Außerdem werd ich mir nun nen Job suchen, weil man sich ja doch gelegentlich auch mal was gönnen will.

    Aber was nicht tötet härtet ab (blöder Spruch, aber wahr). Und einen Vorteil haben wir dem Verwöhnten-Jammerlappen gegenüber: Wer nie mit wenig auskommen musste oder Jobben musste um sich seine Wünsche zu erfüllen weiß sie nicht zu schätzen und ist in so einem zukünftigen Fall ziemlich aufgeschmissen.

    Und man glaubt gar nicht, wie viele hier in Bremen verwöhnt sind.

    Zitat eines neuen Mitstudenten: „Ich glaub ich kauf mir noch ein Auto, ich bräuchte es zwar nicht, aber ich bis so gewohnt.“
    Hallo?!

  2. Wie koennte es auch gerecht zugehen, in einem Land, indem das Bafoeg-gesetz besagt, dass man in England und Deutschland gleich viel Geld zum Leben benoetigt. Haha!Mein Sachbearbeiter riet mir daraufhin, mich doch mit der Regierung in Verbindung zu setzen, die Telefonnummer der „Regierung“ hatte er allerdings leider nicht zur Hand!Sprich:Seit heut hab ich wieder nen Job!

  3. Gemein und klischeehaft ist das jetzt, das weiß ich, aaber… Nachdem ich jetzt tagelang schmutzige Kinder auf der Straße hab spielen und arbeiten! sehen, Kinder und junge und alte Leute ohne Arme und Beine betteln, Menschen, die die einfachsten Dinge zum Leben kaum bekommen, hab ich immer nur noch „Jammern auf hohem Niveau“ im Kopf, wenn ich so etwas selbst denke oder von anderen höre. Mir ist durchaus bewusst, dass ich das in zwei Wochen schon wieder fast vergessen habe, aber nimm es als kleinen Impuls vom anderen Ende der Welt. Wir haben ALLES, was wir brauchen, definiv deutlich mehr als das! Ich weiß, du weißt usw… Aber trotzdem, ne? Du weißt schon, was ich meine… Nur mal für zwischendurch, wenn man sich selbst bemitleiden muss! 😉

    Liebe Grüße, Kesro

  4. ich stimme dem advocatus diaboli zu: ich jammere auf sehr hohem niveau – wie der trainer, der zu viele gute stürmer hat und nur rummeckert, er könne sich nicht entscheiden.

    @ allie: hast du denn nun eine wohnung??? dann komme ich dich mal besuchen!!!

    @ j. aus der schönsten stadt der welt: scheisse, scheisse, scheisse. was ist denn das nun für ein job? ich schreib dir nachher mal ne mail!!

    @ advocatus diaboli: ein wenig schäme ich mich nun auch… ich werde es mir aber merken!!

  5. hmmm. mich stört das gerade etwas mit dem jammern auf hohem niveau.
    es ist doch immer eine frage der verhältnisse. in einem land wie unserem ist armut einfach auf einem anderen level und nicht zu vergleichen mit der 3ten welt.
    wenn man aber an bestimmten dingen nicht teilnehmen kannn weil man kein geld hat, nicht krankenversichert ist (wie ich) weil man gerade einfach nicht weiß wie man das noch schaffen soll… dann sind auch das einfach reale sorgen und nicht wertlos. denn wenn ich jetzt vor ein auto laufe dann habe ich mein leben lang schulden und die sache ist gelaufen.
    nicht das ich meine armut mit der in indien vergleichen will, aber man wird doch sauer wenn da leute sind die sagen das sie nie bahnfahren würden, weil es da stinkt aber selber nie gearbeitet haben sondern papi immer schön die 1000 euro (diesen fall gibt es) überweist.
    armut ist glaube ich auch einfach eine frage der umgebung.
    dennoch verstehe ich natürlich, dass einem das ganze surreal vorkommt, wenn man gerade die umgebung zu totaler armut gewechselt hat.

  6. Ich hab eine Frage an hauptsächlich die, die arbeiten müssen. natürlich auch an die, die wie ich und allie arbeiten damit es ab und an mal für mehr als essen und schreibuntensilien reicht.

    vorausgesetzt ihr habt euch durchs stundentenleben gebissen und es zu einem mehr oder weniger lukrativen job gebracht der es erlaubt die eigenen kinder zu unterstützen. wie weit würdet ihr das tun?

    ich komme auf die frage weil ich zwar keineswegs 1000euro und ein auto bekomme, aber wohl trotzdem eher noch auf der seite der verwöhnten jammerlappen stehe. denke ich.
    jedenfalls sagte ulrike bei ihr sei der neid eindeutig zu hören. viel deutlicher klingt aber in aussagen von viel arbeitenden immer die verachtung gegenüber den nichtarbeitenden durch. meiner wahrnehmung zumindest nach.

    meine frage also, ist das echt nur neid oder findet ihr gar nicht zu arbeiten wirklich nicht gut und würdet dementsprechend eure kinder später auch arbeiten lassen – trotz angenommener guter finanzieller lage?

    die frage kommt ja immer mal wieder und hier war grade die passende gelegenheit.

  7. hmm. also ich persönlich würde mir angucken, wieviel zu studieren ist.
    bei mir (damals…haha) ist es ja doch so, dass man neben dem studium arbeiten konnte. es war schwer und kostet zeit und damit semester, aber es war möglich sich die prüfungen und scheine selber einzuteilen, einen stundenplan zu machen der einem passt etc.
    heute ist das ja einfach nicht mehr möglich. aber generell glaube ich, dass arbeit den wert von dingen klar macht und menschen die gar nicht arbeiten müssen und das geld auf dem konto als gegeben ansehen leicht übersehen, dass man priviligiert ist und das man sich damit glücklich schätzen kann.
    mein kind würde soviel bekommen, wie das absolute überleben notwendig macht und für urlaub, gucci-schlappen und auto dürfte gearbeitet werden.
    ich kenne es nicht anders: wenn ich luxus will, dann muss ich was dafür tun. wer permanent nicht über geld nachdenken muss, der wird auch seinen wert immer anders einschätzen.
    aber jedem seins, vielleicht ist es auch nur neid der aus mir spricht.
    glaube ich aber nicht, weil das gefühl sich einen urlaub erarbeitet zu haben, das genießen so ungemein steigert, dass ich nicht glaube das jemand der alles geschenkt bekommt das nachfühlen kann.

  8. jap, wohnung in einer dreierwg mit zwei sympatischen männern 😉
    studentenwohnheim (also gleich die volle ladung), aber freu mich drauf!
    und es ist so günstig…
    mal schaun, wenns nicht klappt, ists auf jeden fall erstmal eine unterkunft, bis was anderes kommt…drei stunden bahnfahrt sind einfach zu viel!

  9. Hey Ulrike,

    gönn Dir einfach mal ein Konzert und über Weihnachten ein paar freie Tage zum Ausspannen. Kopf leerkriegen, die Seele neu justieren, ein Feintuning des Wohlfühlens.

    Lass doch um Himmels Willen die Deppen aussen vor. Es wird IMMER Arschgeigen geben, die im Leben ohne eigene Leistung nach oben stolpern, sowohl im universitären Betrieb als auch in allen anderen Bereichen des Lebens. Auf Dauer fährst Du besser, wenn Du sie einfach net beachtest.

    Muss die Pflanzen auch mal giessen
    Muss ein Start-Up-Arschloch erschießen
    Die Apotheke noch ausrauben,
    Zumindest mal dran glauben.

    Also tragt es in die Welt,
    Haut es mit Edding an die wände:
    So lang die dicke Frau noch singt
    Ist die Oper nicht zu Ende!

    Verteidige die Seele,
    Das lustige Gebilde
    Bis dahin:
    Alle Energie auf die Reflektorschilde

    [Kettcar in „Academy“]

    Wird schon wieder. Lass Dir von den reichen Vollkoffern nur keine Neid-Diskussion aufdrängeln 🙂

  10. Genau, surreal ist das. Und trotzdem hab ich den ganzen Tag an meine Tasche gedacht, nur wegen Lieblings-Jeans und Lieblings-Shirts und Kabeln. Sie ist übrigens angekommen! 😀 Aber solche Dinge zu sehen und zu bedenken, hilft einem, die eigenen Probleme zumindest kurzfristig in Dankbarkeit und Schamgefühl zu verwandeln – und das ist besser. Für einen selbst und die ganze Welt!

    Mein Kind würde ich übrigens nur unterstützen, wenn ich sehe, dass es sich Mühe gibt. Oft kann man aber trotz Disziplin und Fleiß seine finanziellen Mittel nicht so erreichen, wie man sie verdient hätte (hallo Chef!) und dann ist es OK, wenn hier und da ein bisschen Unterstützung kommt (hallo Papa!) 😉

  11. Es fällt mir gerade so gar nicht leicht, einen Kommentar zu verfassen, aber ich will es auch nicht ganz sein lassen.
    Der Satz „Aber solche Dinge zu sehen und zu bedenken, hilft einem, die eigenen Probleme zumindest kurzfristig in Dankbarkeit und Schamgefühl zu verwandeln – und das ist besser.“ in Verbindung mit dem Hinweis „Mir ist durchaus bewusst, dass ich das in zwei Wochen schon wieder fast vergessen habe,…“ kann u. Umständen in den falschen Hals gelangen. Es könnte folgende Frage aufgeworfen werden: Sollte man sich auf die Schulter klopfen, wenn man nur dann der Armut der Menschen gedenkt, wenn sie einem zeitlich und als Werkzeug zur Beurteilung seiner eigenen Probleme dienlich ist? Ich denke, jeder Mensch, der in diesem Blog liest, wird dich schon in deinem Sinne verstanden haben und auch ich glaube, dass du das so nicht gemeint hast, Kesro, aber wenn man über solch heikle Themen redet, finde ich es nur gut, wenn man auch diese Sichtweise nicht ausser Acht lässt.

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