Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Gestotter

9 Kommentare

Letzte Woche als ich mit Kesro gerade zu einem Spaziergang aufbrechen wollte, tat ich irgendwas grützendämliches und schimpfte mit mir selber und sagte „Ich Trottel!“ Die Folge war ein kleiner Aufschrei Kesros, den sie mir folgend erkärte:“Dein Deutsch klingt englisch.“ In der Stadt hatten wir das Erlebnis noch bei einem anderen Wort und ich war etwas verwirrt: an welcher Stelle sollte ich denn nur englisch klingen und warum?
Heute Nachmittag saß ich nun mit Tinchen gemütlich bei Kaffee und Kuchen zusammen, wir unterhielten und über dies und jenes und besonders über ein Kate Nash-Lied, welches ich dann mal vorsingen sollte; konnte ich nicht, wie auch? Ich schob es auf mangelnde Musikalität und meinen nicht-vorhandenen Cockney-Akzent; nebenbei erwähnte ich Kesros Bemerkung, Tinchen fiel die Kinnlade runter und ihr entfleuchte nur ein „Ich weiss ganz genau, was sie meint: dein Trottel! Ist Dir das selber noch nicht aufgefallen?“
Nein, natürlich nicht. Woher soll ich wissen, dass ich seit 26 Jahren mit einer sprachlichen Eigenheit rumlaufe? Aber Tinchen wäre nicht mein Tinchen, wenn sie nicht sofort eine Erklärung parat gehabt hätte „Du sprichst mit einem glottal stop, das machen viele Ostfriesen.“
Das faszinierende an diesem Phänomen ist, dass es mir noch nie aufgefallen ist. Im Wechsel nannten wir uns „Trottel“, aber ich habe den Unterschied gar nicht gehört. Erst als Tinchen mir zeigte, wie sie ein „T“ spricht, nämlich mit der Zunge hinter den Schneidezähnen, wurde mir klar, dass ich das gar nicht richtig kann (das „T“, welches laut Tinchen überhaupt kein „T“ ist, wird bei mir mit dem Kehlkopf gebildet). Der so genannte Glottisschlag ist zwar im Deutschen nicht unbedingt etwas ungewöhnliches, bei den Ostfriesen tritt er aber vermehrt auf, da die ostfriesisch-plattdeutsche Sprache stark ans englische angelehnt ist. Nicht mal „glottal“ kann ich richtig aussprechen (also prinzipiell schon, aber eben mit starkem Cockney-Akzent), Tinchen fiel fast vom Fahrrad vor Lachen (wir waren die frische Luft geniessen) – und ich wollte vor Scham in den nächsten Busch hüpfen. Trottel, Viertel, glottal – alles Worte, die bei mir ungewohnt klingen. Warum hat mir das denn nie jemand gesagt? Ich meckere hier über Leute, die keinen Plural bilden können und bei mir reicht es nicht einmal zum richtigen „T“!

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9 Kommentare zu “Gestotter

  1. Wirklich interessant in letzter Zeit deine Aufmerksamkeit auf sprachliche Gegebenheiten zu beobachten 🙂 Erst Grammatik, nun Artikulation. Da fühl ich mich ja fast wie zuhause!
    Bei Gelegenheit kann ich ja mal ein paar Übungsstunden zur korrekten Bildung des /t/, welches übrigens ein stimmloser alveolarer Plosiv ist. Solange du das /s/ alveolar also hinter den oberen Vorderzähnen am Zahndamm bilden kannst, ist es bis zum /t/ nicht mehr weit.

  2. Nein, sie soll so reden! Das klingt doch total super! 😉

  3. Podcast, Podcast!

  4. Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen wie es sich anhört 🙂 Muss ich das nächste Mal drauf achten.
    Aber ihren Akzent muss sie ja auch nicht ablegen. Kann ja nachher dann auf zwei Weisen das t bilden. Auch nett!

  5. @ anja: auch das „s“ läuft nicht ganz rund, wie ich nun gemerkt habe. unglaublich, dass das niemandem aufgefallen ist. die frage, die ich mir stelle ist aber auch: wieso höre ich das selber nicht?

    @ kesro: danke!

    @ lorelei: werde mich morgen mal dran setzen, einen kleinen text schreiben, in dem die jeweiligen begriffe vorkommen und dann habt ihr morgen abend eine ostfriesin mit cockney-akzent in ton.

  6. Super Spontansprachanalyse für mich 😉
    Warum du das selber nicht hörst? Bei meinen Kindern ist das meist normal. Die haben mit ihrer Artikulationspronlematik meist auch noch Probleme bei der auditiven Differenzierung von ähnlichen Lauten. Bei dir würd ich erstmal darauf tippen, dass es gelerntes Verhalten bzw. hören ist. Du hast als Kind ja gelernt, den jeweiligen Laut zu sprechen. Auf welche Weise auch immer. Bei anderen hast du die Wörter gehört, wie sie sich anhören. Die auditive Eigenwahrnehmung ist ja eh anders als die Fremdwahrnehmung. Wir hören unsere Stimme ja eh anders als die anderen. Hypothese also von mir: Du hast in deinem Gehirn einfach ein Muster deiner Sprechweise eines Wortes gespeichert, dass sie für dich genauso anhört wie andere Leute dieses Wort sprechen. In der Kindheit also gelernt.

  7. *lach* Ach menno, das muss hart sein – da versuchst du mit diesem Blog den Landsleuten ein schöneres Deutsch beizubringen und kommst dann urplötzlich auf einen eigenen Sprachfehler *g*.

    „Selbst merken“: Oh, das kenn ich: Früher dacht ich immer, in meiner Heimat (Raum Magdeburg) spricht man akzentfreies Hochdeutsch. Dieser Irrglaube hält solang an, bis man – was zum Glück nur selten vorkommt – einen Landsmann im TV in einem Interview sieht und denkt: „OMG, was für ein furchtbarer Dialekt!“ Die gleichen Leut mit dem gleichen Dialekt im Alltag aber klingen absolut normal. Hier in der Steiermark fällt mir der hiesige Dialekt auch kaum noch auf, offenbar filtert das Gehirn den Informationsgehalt sauber heraus.

    Apropos Sprache: Plural des Tages: der Himmel – die Himmel. Abgeschaut vom „Dachhhimmel“ eines Autos, denn da kann ja ein Plural durchaus mal auftreten 🙂

  8. Du glaubst nicht, wie sehr ich mich auf unser nächstes Telephonat freue! Aber nicht das T vorher so stark üben, dass ich nix mehr zu lachen habe!

  9. Also, richtig gefunden, auf dem Parkplatz. Zumindest behauptet er das. Einer der wenigen Vorteile, wenn man auf dem Flughafen Hahn arbeitet 😉 Da sind dann auch immer interessante Sachen wie Fotos von Ägypten oder Sprachkurse in Französisch drauf.

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