Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Musikpolizei

6 Kommentare

Ich bin ein intolerantes Miststück. Zwar würde ich mich gerne in Toleranz und Ruhe üben, aber manchmal will es einfach nicht klappen. So fast jedes Mal auf dem Weg zum Schwimmen.
Meine Schwimmkollegin J. ist toll. Richtig toll. Seit Monaten schon gehen wir in den kalten See (der mittlerweile nur noch Wassertemperaturen im gerade noch zweistelligen Bereich hat), spazieren barfuß durch den Matsch, bequatschen in der Mitte des Sees – weit entfernt von allem, das an Realität erinnert – die Welt und geniessen die Momente, wo wir völlig alleine am See nur das Plätschern des Wassers an unserem Kopf hören; nebenbei ist sie einer der zwei von mir gemochten Schalkefans und eine hervorragende Bäckerin und Sandwich-Macherin.
Das Idyll krieselt aber massiv während der Autofahrt. Nicht, dass J. eine schlechte Autofahrerin wäre – im Gegenteil! Aber die Musik, mit der sich versucht, mich zu beglücken, diese Musik… Vor kurzem war es das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester, welches sich dadurch auszeichnet, dass sie aktuelle Stücke mit eben einer mein Trommelfell malträtierenden Nasenflöte spielen; dann war es Theo Lingen, der bereits morgens um acht einen Hut und somit meinen Niedergang besang; an die Mitschnitte aus Asterix und Cleopatra (vor allem das Badelied) habe ich mich gewöhnt, ja, ich weiss es sogar zu schätzen! Aber als mir heute kolumbianischer HipHop (jaha, das gibt es!!!) und etwas, das sich cumbia nennt, zugemutet wurde, mir J. voller Glück mitteilte, bald würde auch der Schrei einer Bäuerin nach einer davongelaufenen Kuh musikalisch dargestellt (oder so ähnlich) werden, kippte meine Kinnlade nach unten. Großer Fehler J.´s dann der Versuch einer Erklärung:“Ulrike, das ist wahrscheinlich eine Schulklasse ehemaliger Strassenkinder, die nun in einer Schule singen.“ Na und? Kaufe ich mir die Obdachlosenzeitschrift, nur um Obdachlose zu unterstützen (nein, das tue ich nicht, auch wenn es böse und ganz verwerflich ist. Aber der Inhalt interessiert mich nicht, warum soll ich sie dann Interessierten vor der Nase wegkaufen?)? Mag ich das Internationale Sommerfest, weil dort so international gefeiert wird (nein, denn einmal im Jahr haben alle PseudoToleranten dort die Möglichkeit, ToleranzPunkte für ein ganzes Leben zu sammeln, in dem sie sich allen Klischees hingeben und denken, dass jeder Mexikaner mit einem Sombrero rumrennt und diese Sache somit nicht international, sondern typisch unreflektierter Gutmensch-mäßig wird)?
In der Uni habe ich lange genug ÖkoKaffee von irgendwelchen peruanischen Anden-Bauern getrunken und mich an dieser einzigen Gut-Tat am Tag erfreut, aber bei Musik hört der Spass auf: ich höre nur Musik, die meinen elitären Ansprüchen genügt und nicht, weil ich damit jemanden unterstützen möchte – nun ja, vielleicht würde ich sowas noch als Geschenk für jemanden kaufen, den ich nicht mag, aber ansonsten? Nein.

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6 Kommentare zu “Musikpolizei

  1. hallo? warum werd ich ignoriert? ich bin beleidigt!
    Pa!

  2. Muha! Also Theo Lingen find ich cool. Glaub ich… Hab noch nie ein Lied von ihm gehört… Aber seeehr individuell, der Musikgeschmack von J… 😉

  3. *IRONIE AN*

    Das Problem ist nicht Deine Intoleranz, sondern Deine Ignoranz 😉

    Denn wenn Dir das Elend der Welt nicht so wurscht wär, müsstest Du Dich anstrengen etwas dagegen zu unternehmen.

    *IRONIE AUS*

    Im Ernst: wer gutes aus niederen Beweggründen tut (eben um zu heucheln oder Anerkennung zu erheischen), ist mir wesentlich unsymphatischer als jemand, der nur dann was gutes tut, wenn er davon überzeugt ist. Insofern: Gutmenschen sind eh doof!

    Schönes WE 🙂

  4. Falls Du magst, ich hab gerade eben ein Musik-Stöckchen beantwortet – kannst es ja als Ansporn nehmen, Deinen so exquisiten Musik-Geschmack (Mit Tomte kann er mir nur gefallen!) im Detail Deinen Lesern vorzulegen 🙂

  5. Versuch einer Gegendarstellung

    Ich bin nicht beleidigt, aber um dem Eindruck entgegen zu wirken, ich hörte allein Ohrenschmerzen verursachendes Liedgut und das evtl. auch noch aufgrund eines missverstandenen Toleranzbegriffs, möchte ich hiermit erklären, dass auf den Kassetten in meinem Auto nur ein Ausschnitt meines äußerst eklektischen Musikgeschmacks zu finden ist. Zu Ulrikes großem Unglück treten darauf geballt die Skurilitäten meiner Musiksammlung auf. Ich liebe jedoch die widersprüchlichen, überraschenden und für manche Ohren schockierenden Zusammenstellungen. 150km A1 muss man halt doch mit Humor nehmen. Meine Lieblingsabfolge auf einer inzwischen nicht mehr abspielbaren Musikkassette, die ich noch zu Schulzeiten zusammengestellt hatte, lautet: Somwhere over the rainbow, Die Rachearie der Königin der Nacht gefolgt von dem scheinalkoholisierten Gegröle von The Offsprings „No Self-Esteem“. Letzteren besitze ich eigentlich nicht wirklich, von meinem Musikgeschmack bin trotzdem überzeugt.Abschließend freue ich mich, dass das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester trotz seiner abschreckenden Wirkung publicity bekommen hat 😉

    Allerherzlichst J.

    (Bis Morgen um 8:30)

  6. ja ja, wollte auch nur mal wieder n bischen zickig sein. wo geht’s denn hingezogen? vielleicht, falls das mit dem kaffee nicht klappt?
    schönes we!

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