Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Abstand

17 Kommentare

Ich habe es noch in keinem anderen Land erlebt (oder habe ich einfach nicht richtig hingeguckt?), dass die Menschen an der Kasse so verrückt werden, sobald die Ware des anderen Kunde auf dem Band zu nah an die eigene kommt. Gestern mal wieder am ALDI an der Kasse: ich hatte meinen mageren Einkauf aufs Band gelegt, schön aufgebaut, in ca 10cm Abstand zu der Ware der Dame vor mir. Selbst ein Blinder mit nem Krückstock hätte erkannt, dass da zwei Berge von zwei Kunden lagen. Zum Unglück der armen, anscheinend sehr nervösen, Frau vor mir, gab es diese Zwischendinger nicht: diese kleine Mauern, die mit Werbung dichtplakatiert sind und dazu dienen, nur noch deutlicher zu machen, was schon deutlich genug ist: man kann jetzt behaupten, sie erleichtern den Kassiererinnen die Arbeit; in Wahrheit dienen sie aber nur dazu, die Angst einiger zu mindern, die es als ihre erste Aufgabe sehen, jedem ihren Bereich auf den Kassenband klar zu machen. So gestern auch die Frau vor mir: Als die Kassiererin entnervt eines dieser Zwischenstelldinger vom Band nahm und den anderen Kunden somit wieder zur Verfügung stellte, sprang sie mit einem Satz nach vorn, riss das Ding an sich und stellte es mit einer Geste der Erleichterung zwischen ihren Einkauf und meinen. Danach wurde sie merklich ruhiger, atmete nicht mehr wie nach einem 5km-Lauf und ihre Augen sausten nicht mehr panisch hin und her. Damit aber nicht genug: ihre Chipstüte lag etwas instabil auf ihrer Milch, so dass sie gefährlich in Richtung meiner Ware rutschte; als diese dann abrutschte und dieses Zwischenstelldingens berührte, verfiel sie wieder in Panik, ordnete ihre Ware neu so, dass zur Mauer noch ein Abstand entstand: alles, was nun in diesen Abstand rutschte, wurde gnadenlos eliminiert wieder zurückgelegt.
Dieses Verhalten lässt sich an fast jeder Kasse und mit unzähligen Kunden beobachten: die Soziologin in mir erkennt, dass da jemand ganz klar seine Identität stärken möchte, die Hobbypsychologin erkennt, dass da jemand Grenzen zieht, die er sonst nicht ziehen kann und die Historikerin in mir denkt immer nur „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (Walter Ulbricht am 15. Juni 1961) und „Das ist doch ein schönes Bauwerk.“ (Walter Ulbricht eben über die Mauer, die ja nicht errichtet werden sollte)

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17 Kommentare zu “Der Abstand

  1. Das Phänomen tritt aber meist nur bei den Kunden VOR einem auf. Die hinter einem können gar nicht nah genug an dich ran kommen. Erst schieben sie ihren Wagen permanent in deine Hacken und irgendwann stehen sie dann schon vor dem eigenen Wagen -sprich direkt hinter dir – und schubsen so, dass man mit der Hüfte genau wunderbar über den „Lenker“ kippt 🙂
    Oder hast du schonmal jemanden gesehen der hinter dir Panik bekommt wegen nicht-vorhandener Warentrenner?

  2. ich muss zugeben, dass ich immer so sehr damit beschäftigt bin, den hinter mir körperlich abzuwehren, dass ich das noch nicht wirklich beobachtet habe… werde ich nachholen. aber vielleicht ist dies warentrennerdings auch nur ein zeichen für: ich möchte den kampf um abstand mit dir lieber körperlich austragen? das wäre erschreckend….

  3. Es ist aber auch erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit einige Leute dermaßen viel Platz auf dem Band einnehmen – gestern eine ältere Frau mit 7 Artikeln, die knapp 1,5m in Anspruch nahm. Und es war nicht 7x Klopapier oder ähnlich klobiges, wo man Verständnis hätte (bis auf die Frage, warum einer 7x Klopapier kaufen würde). Nein, eine Schale Weintrauben, eine Schale anderes Obst, ein Pfund Schwarzbrot, eine Leberwurst und drei ähnliche Artikel (ich kann ich ja auch nicht an alles Belanglose erinnern *g*)…

  4. so ich hänge noch bei der mauer und wie witzig politiker sein können.
    aber so witzig das auch ist: der hintergrund ist wirklich der gleiche. das „böse“ kommt uns zu nah – wir wollen uns trennen. bloß nichts mit anderen zu tun haben die wir nicht kennen.
    das gleiche ist ja das, mit dem abstand von körpern. der abstand den mitteleuropäer fordern liegt bei 1m, sonst fühlen sie sich bedroht. afrikaner zb. brauchen gerade 30 cm. die haben dann sicher auch keine warentrenndingermoppeds. und nein, hier geht es nicht um vorurteile, asiaten haben zb. viel größere abstände als wir, aber mehr gelegenheiten wo sie darüber hinwegsehen. also in der bahn etc.
    ich schweife ab.
    wir sollten deutschland die warentrennmoppeds klauen. alle. dann werden die netter höhö

  5. Auszug aus Zwiebelfisch zum Thema „Wie heißt das Ding?“

    Der mit Abstand charmanteste Vorschlag stammt aus Ostfriesland. Dort sagt man „Miendientje“, weil man es zwischen „meins“ und „deins“ legt. Bist du da schon in Ostfriesland? 😉

    Ich benutze immer extra keins, um zuzuschauen, wie die Leute vor und hinter mir das dann schnell dahinlegen. Meistens mit vorwurfsvollen Blicken.

  6. Als Pädagogin fällt mir dazu nur extremes Sicherheitsbedürfnis ein. Darf ja auch keiner das mühsam zusammengesuchte Essen/Trinken und was auch immer durcheinander bringen. Vielleicht auch nen Zwang? Gegen den Zwang spricht aber das weit verbreitete Verhalten über ganz Deutschland.
    Die Blicke der Leute, besonders der älteren, sind jedoch immer wieder herrlich. Wie eingefahren und pedantisch die Menschen selbst beim einkaufen sind…

  7. ich musste grade beim einkaufen sehr vor mich hinschmunzeln denn vor mir spielte sich folgendes ab:
    Mann kauft ein, stapelt meterhoch das ganze MUSS umfallen und natürlich auf die 2cm entfernten aber durch warentrenner getrennten Waren der Hinterfrau. Sie zuckt sich nicht (Fand sie den 1,95 Mann mit den kleinen Löckchen vllt attraktiv?)
    aber DANN
    beseitigt der Kassierer das Chaos und legt die Ware richtig während er den Kunden von davor noch abfertigt 😉

  8. miendientje? das wort kannte ich auch nicht, obwohl ich ja ostfriesin bin. aber oldenburg ist leider nicht mehr ostfriesland – ich bin hier im exil.
    auf jeden fall werde ich das wort nun in meinen sprachschatz aufnehmen – dingens ist ja auch keine exakte beschreibung!!

    @ stephi: und da sagt jemand, kassierer wären nicht multitaskingfähig. und: dumm von der frau, man hätte doch beim aufsammeln nett schäkern können!

  9. so nach dem motto
    „wenn deine chipstüte schon mit meinem wein kuschelt könnten wir ja auf der couch kuscheln?“
    tschuldige 😀
    ich müsste eigentlich ne hausarbeit schreiben deswegen der wahnsinn und die kommentarflut 😉

  10. aha! deswegen auch das wissen über igelbabys?

    und: ja. chips und wein scheint wie geschaffen füreinander zu sein – bei rosamunde pilcher wäre das schicksal… ich präferiere aber eher zartbitterschokolade.

    universitäres schreiben gelingt nur mit viel ablenkung. blogs, psychotests, das verfolgen der politischen lage in hinterposemuckel – man will ja auch nicht immer im universitären glaskasten leben…

  11. also supersonics aussage mit den 1m abstand kann ich nur zustimmen. ich muss sagen, ich selbst empfinde es auch als unhöflich und bedrängend, wenn jemand direkt neben, vor, hinter mir steht oder mit kaum abstand vorbeigeht. bei uns in franken klappt das eigentlich kann gut, aber z.b. im pott hat niemand genug abstand eingehalten, was mich immer total nervös machte.
    auf dem band an der kasse isses mir nun aber wiederum völlig egal, wie nah die ware des andern liegt.

  12. nächster schritt also: genau beobachten, wer so eine angst vor dem überschreiten der grenzen auf dem kassenband hat und neben dem kassenband auf richtigen abstand achten.

  13. das mit dem abstand ist übrigens ein grund weshalb menschen in aufzügen oder anderen kleinen engen räumen, in denen sie ihren „normalen“ abstand zu den anderen nicht einhalten können, blickkonktakt vermeiden. auch sehr lustig: die menschen einfach mal angucken, da werden die auch ganz schnell panisch 😉

  14. Ja genau 🙂
    Und wenn du hübsche hausarbeitsablenkende Psychotests hast immer her damit!

  15. na, da hast du aber glück, dass ich gerade online bin und gerne beim ablenken behilflich bin:

    http://www.blogthings.com/
    http://www.freundin.de/liebe_gefuehl/psychotests
    http://www.amica.de/love_life/psychotests

  16. *lach* Ihr habt Probleme… Da gleich eine soziologische Analyse draus zu machen wär mir nie in den Sinn gekommen, eure Kommentare lesen sich aber spannend. Und ja, Stephi – die Kunden vor mir sind auch immer auf Abstand bedacht, so wie die hinter mir IMMER riesige Türme ganz dicht an meinem Einkauf aufbauen. Oh ja, das kenne und hasse ich!

    Klasse Beitrag, Ulrike. Wenn ich das nächste Mal an der Kassa genervt bin, schau ich mir einfach die Art und Weise der „Revier-Verteidigung“ an und versuch mir vorzustellen, was das über den Menschen selbst aussagt. Nie wieder Langeweile im Supermarkt! *freu*

    @Kesro: ganz ungewohnt, Dein neues Profil-Bild.

  17. großartige psychotests! traumhaft!! ich hab freud für anfänger so vermisst 🙂
    Zum Beispiel: Blümchensex oder kleines Luder? und dann die Frage wie scharf gewürzt man sein Essen will 🙂
    Ist ein Traum
    Merci beaucoup

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