Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Everlasting love?!

4 Kommentare

Es gibt zwei Kundinnen bei uns im Laden, die mir vor einiger Zeit aus ihren Leben erzählten, die mir mit dem, was sie mir erzählt haben, nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dieser Eintrag schliesst ein wenig an diesen Text der Dame aus z.Z. Aachen an, der auch in den Blogeinträgen zu Hochzeiten und Hochzeitstagen immer wieder mitschwang.

  • Sie ist mittlerweile 65 Jahre alt. Als sie damals ihren Mann kennen lernte, war sie gerade 15 und mit 16 wusste sie, dass er er war. Beinahe 50 Jahre ist es her, dass sie gemeinsam auf seinem Fahrrad über die Sommerwiesen fuhren, Zukunftspläne schmiedeten und beschlossen, die ostfriesische Heimat gegen das „da draussen“ einzutauschen. Nur durften sie nicht. Ihre Eltern fanden, er wäre nicht der richtige, zu unstet, zu jung. Was könnte er ihr schon bieten? Als beide endlich 18 waren, sagten sie den Eltern, sie würde ein Kind erwarten. Was blieb diesen schon übrig, als einer Ehe zuzustimmen? Ein uneheliches Kind! Soweit wollte und konnte man es nicht kommen lassen. Nach der überstürzten Hochzeit, die sie als „schönsten Moment ihres Lebens“ beschreibt, sagten sie ihren Eltern: „Falscher Alarm.“ Natürlich waren diese wütend, aber das frische Brautpaar hatte, was es wollte: sich. Und im Laufe der Zeit wurde auch die Wut über die kleine Notlüge weniger, Kinder wurden geboren, ein Haus gebaut und das Leben schien perfekt zu sein. Bis zu dem Tag, an dem ihm gesagt wurde:“Sie haben Krebs.“ Als er starb, war er 53. Alle Kinder waren aus dem Haus und sie hätten noch ein ganzes gemeinsames Leben vor sich gehabt.
    Heute mit 65 sitzt sie noch oft in ihrem Sessel, hört sein Lachen, kann sich noch genau an seinen Duft erinnern, spürt seine Hand auf ihrer. Bis vor zwei Jahren trug sie schwarz, ihr Sohn fragte sie neulich, ob sie sich nicht einen neuen Mann suchen wollte; sie guckte ihn und sagte:“Was soll denn noch kommen?“ Nicht aus Resignation heraus, vielmehr sagte sie zu mir: „Ich habe die Liebe gehabt.“
  • Als ihr Leben plötzlich nicht mehr das war, was es mal war, was es sein wollte, was sie sich gewünscht hatte, war sie Mitte 30. Ihr Sohn war knapp sieben, die Wohnung war „auf Familie“ eingerichtet, im Garten blühten die Blumen, wahrscheinlich freute sie sich, dass bald ihr Mann von der Arbeit nach Hause käme: es war ein Frühlingstag wie man ihn sich vorstellte – der Tag vor zwei Jahren. Sie erinnert sich daran, dass sie Kopfschmerzen hatte. Das nächste an das sie sich erinnern kann ist ein Krankenhauszimmer: sie kann nicht richtig sprechen: sie findet die Worte nicht und wenn sie sie findet, verlassen sie kaum ihren Mund, ihr linker Arm lässt sich nicht bewegen, der rechte nur ein wenig, die Beine gehorchen ihr nicht. Mühsam lernt sie zu sprechen, nicht in Panik auszubrechen, wenn die Worte nicht kommen; sie lernt, die Arbeit des linken Arms durch den rechten machen zu lassen, sie lernt wieder neu laufen. In dem Pflegeheim, in dem sie lebt, sagen sie ihr, dass sie in einem Jahr wieder alleine wohnen kann, dass sie sie bewundern, weil sie so hart an sich gearbeitet hat und dass sie – für sie das wichtigste – wieder für ihren Sohn sorgen kann – dies wird sie ohne ihren Mann tun, der nun nur noch ihr Ex-Mann ist: ihm war alles zuviel geworden.
  • Advertisements

    4 Kommentare zu “Everlasting love?!

    1. nr 1: im film würde man sagen, das ist kitschig; in echt ist es einfach nur schön 😉

    2. Solche Geschichten schreibt das leben. Ich kenne auch Menschen, denen etwas ähnliches wiederfahren ist.

      Aber vor allem finde ich es einfach nür wunderschön geschrieben…

    3. Liebe wird oft überbewertet //
      Liebe ist nicht so wichtig wie ihr denkt //
      Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens //
      Und die anderen Teile sind auch nicht schlecht

      (Lassie Singers, irgendwann in den 90ern)

      Mit 20 würd ich mir echt andere Gedanken machen – denn wer sich darauf verlässt in der Liebe die alleinige Bestätigung seines Lebens zu finden kann einmal böse aufwachen. Keine Frage, ein großer Teil des Glücksgefühls basiert eben darauf, doch es gibt eben noch mehr Träume.

      Ist man mit sich selbst im Reinen, so färbt das auf die Einstellung ab, mit der man anderen gegenübertritt. Everlasting job gibt es ja auch nicht mehr. Mehr im Hier und Heute leben, den Spagat zwischen Träumen und Realisieren hinkriegen ohne sich allzusehr mit dem Zimmern einer weit entfernten paradisieschen Zukunft auszuhalten – und dann lässt es sich auch heut noch gut aushalten.

    4. Gänsehaut…

    Kommentar verfassen

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

    Verbinde mit %s