Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

In einem mediokren Land

2 Kommentare

Da es dieses Semester kein Kolloquium für die Magister/Examensstudenten gab, hatte ich das mal kurzerhand in eben die Hand genommen und ein kleines Seminar organisiert: Wir besprachen Literaturrecherche, unsere Abschlussthemen, Arbeitstechniken und wissenschaftliche Methoden.
Gestern war dann unsere öffentliche Abschlusssitzung, die wir im Polyester – einem Club hier in Oldenburg – abhielten. Wir wollten einfach mal raus aus dem universitären Rahmen und während der Diskussionen über unsere Abschluss- oder Forschungsthemen lecker Astra und Becks trinken und ganz viele Leute daran teilhaben lassen.
Das mit den „ganz vielen Leuten“ klappte auch hervorragend. Als ich meinen Vortrag hielt (übrigens den hier schon mal erwähnten Parkour-Vortrag: „Von der Methode Naturelle zum Passe Muraille: Parkour“) war der Laden brechend voll und ich tat meinem Ruf als „Rampensau“ mal wieder alle Ehre: sobald ich ein Mikro, eine Bühne und ein gutes Thema habe, kann ich nicht mehr an mich halten: was für andere die Hölle auf Erden ist, ist für mich der Himmel. Ich könnte wohl jeden Tag einen Vortrag halten und ich bin mir sicher, mir würde nie nie langweilig werden!
Aber was mich gestern unglaublich wütend gemacht hat: das Institut für Geschichte unserer Uni jammert oft rum, die Studenten würden sich nicht mit ihm identifizieren, es gäbe kaum Engagement. Dann organisieren wir diese Veranstaltung, halten wirklich gute Vorträge und zumindest ich habe auch eine Menge Zeit (und Geld) in diese Sache gesteckt und was passiert? Keiner der Profs guckt vorbei, obwohl sie eine Einladung bekommen haben, keiner unterstützt diese Sache (bis auf den Prof, der mir als wissenschaftlicher Beirat im Seminar bei Bedarf zur Seite stand, gestern aber keine Zeit hatte).
Das macht mich wirklich unglaublich wütend. Dann sollen sie nicht so motzen, es gäbe keinerlei Engagement: das gestern war Engagement. Wir hatten zum Spitzenzeitpunkt an die 60 Zuschauer – das haben die während der professoralen Ringvorlesung nicht! Die Vorträge werden in einem Magazin (sogar mit ISSN-Nummer!) erscheinen und das Publikum zeigte sich von den Vorträgen und der Atmosphäre beeindruckt und forderte teils sogar noch eine weitere Sitzung!
Nun ja, aber wenn man auf einer C-Professur sitzt, sind Forderungen nach „studentischem Engagement“ wohl nur noch leere Worthülsen, die ab und zu fallen müssen. Ungefähr so wie der Verkäufer oder der Tankwart, der einfach jedem einen schönen Tag wünscht – weil es so muss.

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2 Kommentare zu “In einem mediokren Land

  1. Dann wünsch ich Dir, dass Du nie Teil dieses universitären Lehrbetriebs wirst, sondern nach dem Abschluss einen Job abseits des Campus findest.

    Hör einfach nicht auf diese Worthülsen! Sie meinen nicht Dich, sondern betreffen allgemein Studenten. Ich will nicht sagen, dass es früher anders war, aber der „fortschrittliche Geist“, der schon 1848 bei der Revolution nicht unwesentlich von den Unis ausging und die unvergessenen ’68er Aktionen, davon ist heut nicht mehr viel zu spüren.

    Behalte Deinen Schwung, ärgere Dich nicht über die Pappenheimer, die sich aufgrund der Einladung nicht vorstellen konnten, was sie da an dem Abend versäumt haben, und geh weiter Deinen Weg. Denn am Ende, spätestens nach dem Abschluss, ist die Gedankenwelt dieser C-Professoren für Dich genauso wichtig wie die Ehrlichkeit des Tankwarts.

    Apropos Kassierer im Supermarkt: Wenn ich an der Billa-Kassa den Leuten dort ein schönes Wochenende wünsch mein ich es GENAU so, wie ich es sag: dann fällt mir ein dass sie jeden Samstag arbeiten müssen und ich wünsch ihnen von Herzen für den Sonntag das schönste aller Wetter. Nicht jede häufig benützte Phrase ist auch eine Worthülse.

  2. ich muss gestehen, dass ich – wenn ich arbeite – ungefähr nur jedem 5. kunden aus vollem herzen einen guten tag wünsche. der rest macht mich meistens wütend.

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