Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

In jede Richtung

6 Kommentare

Entscheidungen, die man alleine trifft, sind die merkwürdigsten. Normalerweise berate ich mich mit meinen Freunden, diskutiere es mit ihnen aus und hole dutzende Meinungen ein. Meistens so lange, bis ich mich für die Seite entscheide, die nichts ändert. Nun habe ich wohl das erste Mal in meinem Leben eine Entscheidung ganz alleine im stillen Kämmerchen getroffen und es fühlt sich komisch an. Zum einen weil ich erleichtert bin, zum anderen, weil viel daran hängt.
Nach der Tutoriumssache habe ich mir erstmals richtig viele Gedanken gemacht, ob die akademische Karriere für mich das richtige ist. Natürlich – und das soll nun kein Eigenlob oder so sein – bin ich recht gut. Wohl auch besser als der Durchschnitt. Ich bin auch engagiert, schliesslich liebe ich es. Aber ich weiss auch, dass ich nicht vor Leuten rumkriechen kann. Auch wenn ich es mal versuche: man sieht es mir an, dass ich es nicht so meine. Zudem möchte ich irgendwann mal ankommen. Sprich: ein Haus oder eine Wohnung, Kinder, Mann, einen Hund, eine Katze, eine Ziege, einen Garten, in dem ich abends spiessig mit Freunden grillen und Rotwein trinken kann, einen Job, in dem ich anderen nicht die Augen auskratzen muss, in dem ich weiss, was ich an ihm habe. Was bietet einem die akademische Karriere? Unsicherheit. Bekomme ich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin, dann nicht hier. Da, wo ich promoviert habe, bekomme ich keine Habilitationsstelle. Wo ich habilitiert habe, kann ich nicht Professorin werden. Und wer sagt mir, dass ich eine Professur inne haben werde? Dass ich nicht mit Anfang 40 auf der Strasse stehe? Für Kinder war keine Zeit, für das Zuhause kein Raum. Und dann?
Ich habe mir heute die Bewerbungsunterlagen für ein Jahr „Freiwilligendienst“ für Uganda besorgt. Sie liegen neben mir auf dem Schreibtisch. Lange hat es gedauert, was zu finden: entweder muss man einer bestimmten Religionsgruppe angehören, unter 25 sein (was ich leider nach meinem Abschluss nicht mehr sein werde), oder es ist zu kurz: Für sechs Wochen fliege ich nicht in ein Land, um da zu arbeiten und missionieren möchte ich auch nicht. Was mich daran immer noch nervt, ist das, was ich hasse: Werteimperialismus. Aber mache ich mich dieses Verbrechens schuldig, wenn ich Strassenkinder unterrichte? Vielleicht ein bisschen, aber hoffentlich nicht zuviel. Egal. Seitdem ich die Unterlagen mit allem Kram neben mir liegen habe, fühle ich mich besser. Viel besser.

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6 Kommentare zu “In jede Richtung

  1. Aber sind solche Entscheidungen nicht auch irgendwie ein tolles Gefühl? Wahrscheinlich erst, wenn sie geklappt haben… Aber ich hatte das letztens auch mal und ich fand es gut.

    Diese Uganda-Sache finde ich sehr interessant, kannst du mir da mal einen Link schicken?

  2. Kann man da Krokodil essen? Oder Strauß? Oder vielleicht sogar Gnu?
    Sabbernd,
    Chefkoch Fnord

  3. ich finde diese idee verdammt mutig und natürlich mehr als sinnvoll. meinen größten respekt.

  4. Strauß kann man auch in Zürich essen! 🙂

  5. ich hätte wetten können, strauß gäbe es nur in bayern.

  6. hej!ich hatte das gleiche problem wie du, ich haette auch viel lieber was soziales gemacht aber ich war zu alt und daher bin ich jetzt in australien, was ich dir nur empfehlen kann!lg~~sarah

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