Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Black and white movie

2 Kommentare

Es folgt ein kleiner Bericht über meine zwiespältige Beziehung zur Einrichtung „Universität“.
Ich studiere im neunten Semester Geschichte und Politikwissenschaften auf Magister. Ich bin eine der letzten. Im Studiverzeichnis, dem Dreier der Zehner, gibt es eine Gruppe: Magister, the last Rockstars. Das sind wir.
Verdrängt werden wir durch die neuen Bachelor und Master, die sich durch ein strafferes Studium auszeichnen sollen. Gut, dazu kann man sagen, was man möchte. Ob es straffer ist, ob sie mehr wissen und ob sie konkurrenzfähig sind, wird sich zeigen (wobei ich mir bei einigen Exemplaren sehr sicher bin, dass sie es schaffen).
Was aber schlimm ist und immer schlimmer wird, ist die Behandlung der alten Studiengänge. Uns wurde zugesichert, dass wir unser Studium ohne Probleme beenden können. Nun hätte ich aber gerne die Definition von „ohne Probleme“! Heisst es: ihr dürft das Uni-Gelände betreten, ohne erschossen zu werden? Oder bedeutet es: Ihr bekommt Veranstaltungen, die nicht überfüllt sind, in denen ihr eure letzten Scheine machen könnt, in denen ihr nicht wie störendes Ungeziefer behandelt werdet? Erschossen worden bin ich noch nicht, also vermute ich letzteres. Aber auch hier: überfüllt ist kein Ausdruck, Scheine machen wird zum Glücksspiel und mit der Achtung vor unseren Bemühungen kann auch nicht gesprochen werden.
Ich studiere PW als zweites Hauptfach; für mich ist klar, dass ich nichts in diese Richtung machen werde. Trotzdem wird von mir verlangt, dass ich ein Seminar mit „Praxisbezug“ machen muss. Nun gut, dieses Semester soll es soweit sein. Wie viele Kurse werden für 1200 Studenten der Politikwissenschaften und Sozialwissenschaften angeboten? Wer möchte raten? Jep, richtig: eins. Hier befinden sich nun also ca 30 Leute, die einen Schein machen wollen (ansonsten geht nämlich niemand in diese Praxisseminare. Sie sind L-A-N-G-W-E-I-I-L-I-G und U-N-S-I-N-N-I-G). Für die meisten der letzte Schein – eher widerwillig sitzt man hier: „Nachhaltige Stadtentwicklung.“ Wer riecht die Agenda 21? Jo, richtig gerochen. Und wer sagt: „30 Leute, die einen Schein machen wollen? Das geht doch.“ Jaha, würde ich auch sagen, wenn es nicht so wäre, dass von 14 Sitzungen nur 12 für Referate übrig bleiben, hier aber auch nochmal drei ausfallen. Bleiben neun (9)! Hausarbeiten dürfen nicht geschrieben werden, weil wir ja das präsentieren üben sollen. Wir sollen üben, vor anderen zu reden. Die Auflösung dieses Witzes kommt nachher.
Gut, neun Sitzungen, 30 wütende Studenten, Gruppenarbeit wird abgelehnt. Vertagung auf die nächste Woche. Ich halte Euch auf dem laufenden.

Der gute Teil der Uni: Mein Geschichtsstudium. Ich liebe Geschichte. Geschichte ist ein Fach, das man entweder aus Leidenschaft und Idealismus studieren sollte oder gar nicht. In Geschichte ist das wichtige nicht, sich Daten zu merken und mit diesen zu protzen. In Geschichte geht es darum, zu ergründen, wie Welt gesehen wird und wurde. Oftmals sagt ein Geschichtsbuch mehr über die Zeit aus, in der es geschrieben wurde, als über die Zeit, von der es handelt. Geschichte bedeutet, sich in ein Thema zu vertiefen, sich durch Quellen zu beissen, über seinen eigenen Schatten zu springen, sich über Diskussionsgrenzen hinweg zu setzen. Deshalb studiere ich dieses Fach. Und gerade ein kleines Institut, in dem man auch mal den Professoren ein Bier trinken gehen kann, bietet einem viele Möglichkeiten. Mir gerade zwei. Zum einen darf ich ab morgen mit einem Freund eine eigene Übung geben. Wir haben das Programm selber zusammengestellt, wir haben uns unsere eigenen Fragestellungen überlegt und warten voller Stolz auf die erste Präsentation unseres Babys.
Die zweite Möglichkeit offenbarte sich heute nachmittag: Es findet eine Tagung statt. In Garmisch-Partenkirchen. Ich als Studentin kann mir alleine die Fahrt dahin kaum leisten. Nun finanziert mir das Institut diese Reise, inkl. meiner Unterbringung. Das ist der Vorteil eines kleinen Instituts. Den Nachteil bekommen die neuen BAs zu spüren: kaum Lehrende, völlig überfüllte Veranstaltungen. Die Tutorien (neben meiner Übung gebe ich noch zwei Tutorien) müssen mit über 30 Studenten stattfinden. Der Sinn dieser Einrichtung, das Lernen in kleinen Gruppen, wird ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich kann das Präsentieren, den Frontalunterricht üben. Da war doch was?

Zusammengefasst: Ich hasse Politikwissenschaften, ich bin mit Leidenschaft angehende Historikerin. Kurz: passioniert in mediokrer Umgebung.

Ich bin weg, brauche ne heisse Dusche und ein kaltes Bier.

Advertisements

2 Kommentare zu “Black and white movie

  1. Schön gesagt.

    Ich verzweifle dann jetzt mal weiter an meiner Hausarbeit. Geschichte übrigens. Weil es früher nicht ging. Schlicht und einfach ging es nicht.

    Aber ja, trotzdem: Geschichte, eine Oase.

    Anglistik aber: Rotz auf der Fensterscheibe.

  2. Sagen wir es doch mal klar heraus: WIR MAGISTER ARTIUM-MER SIND DIE EINZIG WAHREN!!!!!!!!!!!!!!! 🙂
    Polwi hatte ich auch im Nebenfach und habs ebenso gehasst… Aber solange Geschichte Dich immer wieder aufs Neue begeistert, lässt sich das ja aushalten. Liebe Grüße,
    Bö, M.A. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s