Ich habe Urlaub. Also mein erster richtiger Urlaub, seitdem ich arbeite. Zwei Wochen – eine habe ich bereits hinter mir. Und ich bin schockiert, wie schnell ich gelernt habe, nix zu tun. Beispiel heute (Sonntag): Bis halb eins geschlafen (dass das überhaupt noch funktioniert), Fernseher angemacht, im Internet gedaddelt, geduscht, Frühstück gemacht, Kaffee wieder mit ins Bett genommen, „Supertalent“ geguckt, im Internet gedaddelt, immer noch im Bett liegend mit dem Schildermann telefoniert, Simpsons geguckt, Essen gekocht, im Bett Kartoffelsuppe gegessen. Nun liege ich immer noch im/auf dem Bett, sehe NCIS und kann voller Stolz behaupten, dass ich es gerade geschafft habe, mein Tellerchen immerhin abzuwaschen.
Ich sollte mir für die kommende Woche einen Plan machen. Einen Plan, mit Dingen, die getan werden sollten. Beispielsweise: Zwei Stunden an der frischen Luft verbringen. Oder: Kühlschrank abtauen (währenddessen kann ich ja auch auf dem Bett liegen und Unterschichtenfernsehen konsumieren). Oder auch: Dem Kollegen die restlichen Süßigkeiten von Martini vorbeibringen (das bedeutet Kaffee bedeutet Reden bedeutet Kontakt zur Außenwelt). Plan mache ich morgen. Nun daddel ich noch im Internet. Vielleicht lege ich gleich auch ein paar Klamotten zusammen. Gestern habe ich nämlich eine Waschmaschine angestellt!
Heute Morgen guckte ich auf meinen Kalender und sah folgende Glückseligkeit: Nur noch zwei Wochen bis Bochum. Die beste Kesro, der beste Ika, die bequemste Schlafcouch – und Björn nicht weit (und Daniel und Anja gibt es da ja auch noch). Den Wert guter Freundschaft weiß man scheinbar erst zu schätzen, wenn sie (so örtlich gesehen) weit weg ist. Nicht, dass hier keine netten Menschen wohnen, doch. Aber es gibt eben nur wenige Menschen, denen man sich so gerne anvertraut und die einen auch ungeniert kritisieren dürfen (so wie der junge, leicht zynische Mann aus Essen). Wie ein kleines Kind würde ich jetzt schon gerne meine Tasche packen. Wollte ich nur loswerden. Ja.
Manchmal kann es ja auch sehr blöd sein, bei einer Zeitung zu arbeiten. Beispielsweise, wenn man die Lokalspitze schreibt und emotional etwas aufgewühlt ist. Denn dann schreibt man etwas, ist sich hundertprozentig sicher, dass das, was man geschrieben hat, ganz schön gut ist, nicht zu viel über sich selber verrät und eben: einfach nett zu lesen ist. Gestern aber, da sind die Tasten mit mir durchgegangen. Aufgewühlt, weil ich weiß, dass ich dem Schildermann (ja, der immer noch) langsam einmal konkrete Avancen machen sollte. Und dann habe ich folgendes geschrieben:
„Schwamm drüber
Der ganz persönliche Lieblingsfußballspieler ist zwar 26 Jahre alt – findet aber beinahe nichts toller als den kleinen gelben Schwamm „Spongebob Schwammkopf“. Laufen auf den Kindersendern zehn Folgen am Stück, ist es für ihn, als ob Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Das macht es natürlich auch leicht, kleine Überraschungen für ihn zu finden. Und so gab es schon Spongebob-Kekse, Spongebob-Seifenblasen, eine Spongebob-Brotdose, einen Becher – und auch das passende Buch („Das Gute und das Fiese. Besser leben mit Spongebob Schwammkopf“) ist schon auf dem Einkaufszettel. Und langsam dünkt uns: Der Mann ist eine Beweis für die Weisheit: Männer werden sieben – und wachsen dann nur noch. Solange sie dabei aber so toll bleiben, wie sie sind, ist das schon okay – und wir legen einfach den Schwamm des Schweigens über die Sache.“
Habe die Seite ausgedruckt, bin zum Fußballplatz gefahren, habe sie ihm in die Hand gedrückt und gesagt: „Erst lesen, wenn ich weg bin“ und bin – weg. Und nun ahne ich: ER ist vielleicht irgendwo noch sieben, ICH aber 15.
Erlebt, an einem Tag. Mittags ein Gespräch mit dem Lokalchef: „Du musst lernen, mehr Nein zu sagen. Das dankt einem doch meistens ohnehin keiner.“
Später bei einem Termin zu einer Nachbarschaftsserie frage ich: „Was ist denn das besondere an ihrem Nachbarn?“ „Er sagt nie Nein. Wenn man ihn braucht, ist er da.“
Also: Nein sagen? Nein oder Ja?
Es gibt ein interessantes Phänomen. Erzählt man von „seinem“ Blog, möchten viele als erstes folgendes wissen: „Steht da auch was über mich?“ Und bei einigen: „Schreibst Du bald mal was über mich?“ Entzückend, weil man was schlechtes dann ja kaum noch schreiben kann. Dabei ist der Mann, um den es im folgenden gehen soll, ein Quell ewigwährender Geschichten – und daher ist es auch mehr als verwunderlich, dass er von mir zwar schon bei Twitter erwähnt wurde, nicht aber hier, an viel geheiligterer Stelle. Und seine Trauer, hier noch nie erwähnt worden zu sein, schien echt – obwohl er eigentlich dafür bekannt ist, nicht der sensibelste zu sein. Kleiner Schläger hier, großer Herzensbrecher da.
Worum es aber eigentlich gehen soll: Es gibt Männer, denen fliegen die Herzen der Frauen einfach so zu. Sie brauchen nur lächeln und man tut alles für sie. Mein kleiner Bruder ist so einer und auch der Kollege. Dabei werden ihm Affären mit einigen Kolleginnen nachgesagt, die er aber charmant abstreitet („Bist Du bekloppt?“) – und Affären machen Männer bei mir eigentlich eher unsympathisch.
Was bei diesem Typ Mann bemerkenswert ist: Bringt man ihm nicht die gewünschte Aufmerksamkeit und die weit aufgerissenenen, anhimmelnden Augen entgegen, wird er ganz anders. Lieb. Was er sich davon verspricht: Keine Ahnung. Was nichts an den Gefühlen für ihn ändert. Er ist eben wie der kleine Bruder: Sieben geworden und dann nur noch gewachsen; weint, wenn er sich die Finger verbrennt; hört harte Musik und hat Angst davor, von Mädchen mit Overknees und Minirock gefressen zu werden; hat gewagte Rezeptideen („Ulrike, ich möchte einen Cheeseburger panieren und frittieren.“) und muss sich dann erklären lassen, wie eine Friteuse funktioniert.
Niedlich eben. Niedlich.